Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 35 (2.5.1889)
- Date
- 1889-05-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447947-2447981--28441-2476124- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
615 Schuld und Sühne. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) „Um eine solche Braut sind Sie in Wirklichkeit zu beneiden", sagte der Major mit erzwungenem Lächeln. „Gewiß, das bin ich," entgegnet der Graf lebhaft. „Sie werden sie kennen lernen, meine Thekla. — Wissen Sie, lieber Freund, eine solche Frau wünsche ich Ihnen gleichfalls. — Namentlich, da Sie die Absicht haben, für die Dauer auf dem Lande zu leben, ist es unbedingt nothwendig, das; Sie recht bald hcirathen, die Abgeschlossenheit, in der Sie hier leben, müßte Ihnen für die Dauer geradezu unerträglich werden. Aber mit einer schönen liebenswürdigen Frau an der Seite —" Orloffski unterdrückte einen Seufzer. „Derartige Wünsche darf ich nicht auskomnicn lassen." „Warum nicht? — weßhalb nicht?" „Haben Sie vergessen, daß ich bereits im Begriffe gewesen bin, mich zu vermählen?" „Mit einer herzlosen Kokette." „Graf Paar!" „Nnn, nun, nun! fahren Sie nur nicht gleich auf! ich sage nichts, was ich nicht verantworten könnte. Ich hatte mich Ihnen als Vermittler angcboten und da Sie mein Anerbieten doch nicht geradezu zurückgcwiesen haben, so habe ich der Familie Radimskow meine Aufwartung gemacht. Der Hochmuth der Mutter hat mich nicht überrascht, der war schon früher stadtbekannt; aber Fräulein Kathinka — ich sage Ihnen, Freund, danken Sie Gott, der Sie in Gnaden vor dieser Verbindung bewahrt hat — Katinka Radimskow war nie der treuen Zuneigung Werth, die Sie ihr gewidmet haben mib die Sie — ich fürchte beinahe — ihr noch nicht vollständig entzogen haben." Orloffski fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Ich kann es nicht leugnen", murmelte er, „ich kann sie nicht vergessen." „So vergessen Sie sie nicht", erwiderte Graf Heinrich ärgerlich, „aber verachten müssen Sie die Elende. Wenn ich Ihnen ihre Aeußerungen wiederholen würde — doch wozu? — die einfache Thatsache, daß sie sich in derselben Woche, in der sie mit Ihnen gebrochen hat, mit dem alten Fürsten D.... g verlobt hat —" „Was?" stammelte der Major, indem der letzte Blutstropfen aus seinem Antlitz wich, „Katinka verlobt? —" „Das haben Sie nicht gewußt? — seit einem Vierteljahr ist sie bereits verheirathet." Orloffski fuhr sich mit der Hand nach dem Herzen, seine Lippen bebten. „Armer Freund! — wenn ich hätte ahnen können, daß Sie noch gar nichts davon wußten — doch nein, ich hätte es Ihnen auch dann nicht verschwiegen, hätte es Ihnen im Gegentheil noch früher mitgetheilt. Ich bin überzeugt, jetzt werden Sie gesunden, und werden recht bald meinem Beispiel und meinem Rathc folgen und sich eine liebe, brave Frau suchen." Der Major schüttelte trübe den Kopf. „Sie vergessen —" „Nichts vergesse '.ch", entgegnete der Graf ärgerlich, „ich weiß ganz genau, was Sie sagen wollten, daß Sie nämlich nach den unglücklichen Ereignissen jener Nacht, wodurch Sie sie sich veranlaßt sahen, Ihren Dienst zu quittiren, durch die Sie jedoch das Glück hatten, der Verbindung mit einer Ihrer Unwürdigen zu entgehen, daß Sie glauben, daraufhin auf eine standesgemäße Verbindung verzichten zu müssen. Das wollten Sie sagen, nicht?" Der Major neigte znstimmend das Haupt. „Sie sind im Jrrthum, Freund, in vollständigem Jrrthum. Die Geschichte hat mich damals lebhaft erregt und habe ich sie sofort meiner Braut mitgetheilt. Sobald ich nach Haufe komme, schicke ich Ihnen den Brief, den Thekla mir darauf geschrieben, da werden Sie sehen, wie das wahrhaft edle Weib dergleichen beurtheilt." „Ihre Braut ist eine Deutsche, wie ich glaube." „In Deutschland sind die Begriffe von Ehre nicht minder streng. Ich will Ihnen sogar zugestehen, daß ich glaube, Ihre Angelegenheit würde dort im allgemeinen ganz ebenso behandelt werden, wie hier. Und dennoch — Thekla, Gräfin Krieghausen, entstammt einer der erste» Familien, aber sie hat Kopf und Herz auf der rechten Stelle." „Das findet man aber sehr selten", versetzte Orloffski trübe lächelnd.