Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 35 (2.5.1889)
- Date
- 1889-05-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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612 Tode verurtheilt worden waren, erwirkte eine Deputation emo* Pinscher Juden, an deren Spitze Montefiore und Crömieux standen, von Mehemet Ali die Begnadigung der Mörder, weil, wie in dem betreffenden Erlasse ausdrücklich gesagt wurde, es sich nicht gezieme, gegen die Ansicht und den Willen so angesehener Notablen zu handeln. Die Beherrscher Egyptens und Syriens waren ebensowenig Moral-Fanatiker, wie Montefiore und Cremieux. Der nach Europa verpflanzte Orientale bewirkte bei einem orientalischen Gewalthaber, daß der durch Orientalen verübte Mord eines Vertreters europäischer Cultnr ungesühilt blieb. Und da fragen wir tiun, wie, die Redaktion des „Vaterland" sollte so unwissend sein, um die in dem Archive des k. k. Oesterreichischen Museums erliegenden Depeschen des damaligen österreichischen Eonsuls Merlato in Damascus und des k. k. General-Consuls Laärin in Alexandrien nicht zu kennen, welche Berichte in dem damaligen Organe der österreichischen Staatskanzlei, in der Augsburger Allgemeinen Zeitung des Jahres 1840 producirt wurden? Dem „Vaterland" sollte unbekannt sein jener denkwürdige Passus in einem dieser amtlichen österreichischen Eonsularberichte, wo es heißt: „ . . . Im Interesse der Humanität, sowie insbesondere unserer Unterthancn dort, welche in Gefahr schweben, unschuldig hingerichtet zu werden; im Interesse eines menschlichen Verfahrens und daß ein Richterspruch erfolge. Ich bin überzeugt, die Veröffentlichung wird einen allgemeinen Abscheu gegen die zahllosen Grausamkeiten erregen, die man begangen hat an den unglücklichen Schlachtopfern des Fanatismus; sie allein ist genügend, 11m die Ungerechtigkeit dieses Prozesses 31t beweisen." Dem „Vaterland" sollte unbekannt sein, daß ein Astrolog die Schuld der Juden in den Sternen gelesen haben wollte; . . . daß überhaupt nie ein Urtheil geschöpft, sondern die Unglücklichen, um Geständnisse zu erpressen, der haarsträubendsten Tortur unterworfen wurden, so daß mehrere unter den Martern ihren Geist aufgaben? Dem „Vaterland" sollte unbekannt sein, daß von den dortigen Juden ein Gesuch an Mehemed Ali nicht um Guadc, sondern um ein rechtliches Verhör, um Verurtheilung nach Recht gerichtet wurde; daß aus dem Gesuche aus Befehl Mehemed Ali's das Wort „Gnade" gestrichen werden mußte; daß der syrische Sherif Bey abgesetzt wurde? Das „Vaterland", das Organ für die österreichische Monarchie, weiß nichts von der höchst ehrenvollen energischen Haltung der k. k. österreichischen Negierung, der österreichischen Consulate, des Staatskanzlers Fürsten Metternich, welche Haltung die Anerkennung Europas fand und nicht wenig dazu beitrug, das Ansehen Oesterreichs zu heben? Dieses Blatt, welches die Miene eines ernsten Journals annimmt, weiß nichts von den damaligen Debatten im englischen Parlament, von dem einmüthigen Zusammengehen Palmerstvn's, Robert Pcel's und O'Connels (Whig, Tory und irischen Repeater); es weiß nichts von dem unter dem Vorsitze des Lord Mayors von London stattgehabten Entrüstungs-Meeting; weiß nichts von dem Schrei des (Entsetzens, der damals die ganze civilisirte Welt, und zwar auch amtliche Kreise in höchsten Sphären durchzitterte; weiß nichts davon, daß die Königin von England selbst dem Montefiore einen Dampfer zur Verfügung stellte, der ihn von London nach Boulogne brachte? Von allem dem und noch vielem Anderen weiß das „Vaterland" nichts. Das „Vaterland" weiß auch nichts von dem durch den Hosprediger Veit auf der Kanzel in der Stephanskirche im Jahre 1840 geleisteten, von Professor Molitor bekräftigten Eid, daß an der gegen die Juden erhobenen Beschttldigung wegen rituellen Mordes nicht Ein wahres Wort sei. Auf der eine» Seite steht das damalige ganze civilisirte Europa, voran die kaiserlich österreichische Regierung, welche einmüthig die tiefe Entrüstung bekundet über ein Schauspiel asiatischer Barbarei, welche nicht einmal mehr wagt, sich auch nur türkische Justiz zu nennen, auf der anderen Seite das längst aus dem Kopfe aller Einsichtigen entschwundene Märchen von dem Blutrituell der Juden; die blöde Einfalt, die Juden hätten einen Pater sammt dessen Diener geschlachtet, um deren Blut zum Backen von Brod zu verwenden, und das Geständnih mehrerer Unglücklichen, abgelegt unter den Oualen unmenschlicher Folter, nachdem vor ihren Augen mehrere ihrer Glaubensgenossen unter dieser Folter Ihren Geist aufgegeben hatten. Das „Vaterland" ist nicht im Zweifel, wohin es sich zu wenden hat, und dieses Blatt für die österreichische Monarchie tischt von neuem jenes unsinnige Märchen auf, welches dann sofort aufgefangen in Vereinsversammlungen zum Besten gegeben wird und nun seinen Einzug hält in den Gemeinderath der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, um von da aus neuerlich herausgetragen zu werden in Vereine, Versammlungen und Joitrnale. Und diese Dummheit oder Bosheit wird noch illustrirt und verstärkt durch den ganzen übrigen boshaften Inhalt der Charwochen-Artikel des „Vaterland". So ist auch derselbe Artikel, in welchem jene Judenverfolgung in Damascus erzählt wird, mit der Ueberschrift „Orientalisch" fünf Spalten lang, gar nichts Anderes, als eine Judenhetze. Da wird erzählt, wie im Orient der Sultan oder Pascha, der etwas zu besitzen wünscht, was einem andern gehört, eine einzelne Sache oder ein ganzes Vermögen, es einfach wegnahni, der frühere Besitzer manchmal auch deu Kopf verlor. An anderer Stelle folgt die Bemerkung, „daß der Orientale", worunter aber hier schon die Juden verstanden Werden — dies Alles ganz natürlich finde, daß unsere Juden eben „orientalisch denken und handeln", ihr „orientalisches Sonderwescn ungeschwächt bewahrt haben", daß da auf dem Wege der Gesetzgebung zunächst nichts zu erreichen und zu ändern sei und die Erfolge der Juden nicht an ihrer Grenze augelangt seien. Die uöthig werdenden Ausgleichungen würden einen gewaltsamen Charakter annehmen müssen. Es wird von einem jüdischen Rationalgcsetze gesprochen, so als ob ein solche? heute bei den Juden in Kraft stünde und von ihnen gehandhabt würde: es wird eine in Basel vorbereitete Uebersetzung des jüdischen Gesetzbuches, herausgegebeu durch einen Verein angesehener Ehr i stengelehrten empfohlen, ein Werk, welches zweifellos eine Fälschung Rohling-Brimau's ist. In dieser Weise wird die fromme Thätigkeit des „Vaterland" in einer Reihe von anderen Artikeln noch weiterhin beleuchtet, und ganz nach derselben Methode ist die publicistlsche Wirksamkeit einer Anzahl von anderen antisemitischen Blättern, wie „Kyffhäuser", „Volksfreund", „Die Judenfrage" u. s. w., behandelt. Aber so wie das „Vaterland" gegen diesen niederschmetternden Beweis für seine Methode zielbewußter Correctur der Wahrheit nicht ein einziges Wort der Entgegnung anzuführen hat, sondern sich ausschließlich darauf beschränkt, sich über die darin enthaltene „Denunciation" zu entrüsten, ebensowenig ist in seinen sämmtlichen Ha-