Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 35 (2.5.1889)
- Date
- 1889-05-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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610 ist demnach gerechtfertigt, warum gerade sie und keine andere der Weise erörtert. Weisheit, Heldenstärke, Reichthum, Ehre — welche hohe, erhabene Begriffe! Wer kann sie erlangen, wie wenigen Menschen ist cs vergönnt auch nur Eines von ihnen zu erreichen! Weisheit — nur wenigen Menschen wird im Laufe der Jahrtausende dieses Prädikat ertheilt; die Weltgeschichte nennt nur wenige Namen weiser Männer, die ihr Zeitalter überdauert haben und deren Ruhm im Munde der Nachkommen lebt; ähnlich verhält es sich mit dem Heldenthum; mit dem Reichthum ist es auch nicht viel anders, die meisten Menschen erringen unter schweren Anstrengungen, was sie zur Befriedigung ihrer und ihrer Familien Bedürfnisse gebrauchen, der Eine mehr, der Andere weniger. Auch mit der Ehre verhält es sich so; wer wohl wird allgemein verehrt? Gerade die Höchststehenden pflegen am meisten geschmäht und verdächtigt zu werden. Weisheit. Was ist Weisheit? Wir pflegen den einen Weisen zu neunen, welcher viel und große Kenntnisse erworben hat. Nicht allein, daß die Erwerbung der Wissenschaften unendlich schwer ist, der Kenntnißreiche ist noch nicht immer der Weise. — Heldenthum. Nur wenigen Menschen ist's vergönnt, als Helden sich auszuzeichnen; dazu bedarf es der natürlichen Anlagen und ganz besonders der Gelegenheit, der glücklichen Fügung. Wie Mancher zieht aus in den Krieg, des größten Heldenmuthes voll, und findet nicht Gelegenheit ihn zu bewähren; hinterrücks wird er vom Feinde niedergemacht und rühmlos im Sande verscharrt. — Reichthum. Nach ihm streben die meisten Menschen und die wenigsten gelangen dazu, ihn zu erringen. Und wenn sie all ihr Streben daran setzen, reich zu werden, so verzichten sie meistens auf all die edleren und höheren Güter der Menschheit, so daß ihnen der erlangte Reichthum zum Fluche und nicht zum Segen wird. — Ehre. Es erscheint als ein gar süßes Gefühl, sich von seinen Mitmenschen geehrt zu wissen. Wie beglückend muß es fein, das Bewußtsein zu haben, daß Könige und Fürsten uns mit Achtung begegnen, Greise uns ehrerbietig nahen und Jünglinge voll Verehrung zu uns emporschauen! Aber wehe dem, der der Ehre nachjagt, sie entfliehet vor ihm! Da kommt nun ben Soma und zeigt uns nicht allein den wahren Werth dieser vier hohen Eigenschaften, sondern er lehrt uns auch, wie jede von ihnen von jedem Menschen in nicht allzuschwerer Weise erlangt werden kann. Wer ist weise? Nicht derjenige, welcher die Bahnen des Himmels so genau kennt, wie die Straßen seiner Vaterstadt, wer zu berechnen weiß den Kubikinhalt des Meeres, wer kennt die Bäume des Waldes, die Pflanzen am Erdboden, die Thiere des Feldes, die verschiedenen Sprachen der Menschen, die Gesetze der Natur, sondern derjenige, welcher von jedem Menscheu lernt. — Wer ist ein Held? Nicht der Gewinner blutiger Schlachten, nicht der Unterwerfer mächtiger Nationen, nicht der Eroberer großer Länder, nicht der Zerstörer gewaltiger Festungen, sondern derjenige, welcher die eigene Leidenschaft bezwingt. — Wer ist reich? Nicht der Besitzer vieler Millionen, nicht der Eigenthümer großer, fruchtbarer Länderstrecken, nicht der große Kaufherr, der seine Schiffe mit reichen Ladungen über die Meere in ferne Länder sendet, nicht der Besitzer einträglicher Bergwerke, für den Tausende von Menschen die verborgenen Schätze aus dem Schooße der Erde fördern, sondern Derjenige, welcher mit seinem Theile zufrieden ist. — Wer ist geehrt? Nicht der, welcher gewaltige Thaten vollbracht oder durch großartige Erfindungen sich hervorgethan, durch neue Entdeckungen die Augen der Welt auf sich zieht, sondern Derjenige, welcher seine Mitmenschen ehrt. — So lehrt uns ben Soma, daß jeder Mensch jene vier hohen Eigenschaften, welche den Menscheu derart erheben, daß gleichfam der Abglanz Gottes auf ihm ruht, daß jeder Mensch, ob hoch oder niedrig geboren, ob mit glänzenden Anlagen ausgestattct oder nicht, all das Schöne und Herrliche zu erlangen vermag. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Offenbach a. M., 25. April. Gestern verstarb hier Herr Rabbiner Dr. Sal. Form siecher im 81. Lebensjahre. Derselbe gehörte der sogenannten Reformpartei an. Berlin, 1. Mai. Auf das unter dem l. Dezember 1888 veröffentlichte L. Stein'sche Preisausschreiben sind bis zum 1. März d. I. 37 Arbeiten eiugegangen. Nachdem diese Arbeiten bei den Preisrichtern circulirt hatten, wurde in der Commissionssitzung am 24. April 1889, welcher die Herren Dr. A. Berliner, Rabbiner Dr. S. Cohn, Dr. G. Karpeles und Prof. Dr. H. Steinthal als Preisrichter beiwohnten, einstimmig beschlossen, daß der mit dem Motto: „Soll der Palmenzweig Dir winken, Darfst Dich nicht der Kleinste dünken." eingegangenen Arbeit Nr. 21 als der besten der