Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 34 (29.4.1889)
- Date
- 1889-04-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447947-2447980--28424-2476106- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
599 Kaufmann hatte sofort errathen, daß er denjenigen vor sich hatte, der einst seinen Vater beraubt hatte. Er wußte, daß er seinem Vater auffallend ähnlich sah, er trat daher dicht vor den Missethäter und forderte ihn auf, ihm fest rn's Auge zu schauen. Befremdet hob der Verbrecher seinen Blick, doch plötzlich wich er voll Entsetzen zurück. „Die Tobten stehen auf!" schrie er und streckte abwehrend die Hände von sich. Doch als Kaufmann ihm dann erklärte, daß er seinen Vater damals zwar schwer verletzt doch nicht getödtet habe, daß derselbe bis vor fünf Jahren gelebt, da brach der Verbrecher in lautes Schluchzen aus; er warf sich in die Knie und küßte die Füße des Juden, der die entsetzliche Qual seines Gewissens von ihm genommen. Nun wolle er leben, nun werde er sicher wieder ein rechtschaffener Mensch werden und werde es ihm sicher gelingen, seine Familie rechtschaffen zu ernähren. Doch er hatte sich wegen noch anderer Dieb» stähle zu verantworten und der Richter, obgleich erschüttert durch die sichtliche Reue des Uebelthäters, sah sich doch gezwungen, denselben zu einer einjährigen Gefängnißstrafe zu verurtheilen. Während dessen hätte die Familie desselben darben müssen, hätte sich nicht der edle Sabel Kaufmann ihrer angenommen, doch seine Mittel waren beschränkt, und er erbat sich daher als Lohn für die Errettung meines Großvaters die Unterstützung der Familie desjenigen, der einst seinen Vater beraubt und dem Tode nahe gebracht hatte. So rächte sich der Jude Sabel Kaufmann, dessen Bild über den Bildern meiner Großeltern hängt." „In der Thal, ein selten hochherziger Charakter", sagte Orloffski. „Das will ich meinen", entgegnete der Graf. „Selbstverständlich hat mein Urgroßvater seiner Bitte entsprochen. Als dann nach einem Jahr der einstige Verbrecher aus seiner Haft entlassen wurde, war es wiederum Sabel Kaufmann, der sich für ihn verwendete, er behauptete, von der aufrichtigen Reue desselben überzeugt zu sein und veranlaßte meinen Großvater, ihn in seinen Dienst zu nehmen. Der ehemalige Verbrecher ist ein durch und durch zuverlässiger, tüchtiger Mann geworden, sein Sohn ist Verwalter auf dem Gute meines Onkels. Das Andenken Sabel Kaufmann's ist noch heute bei nnserer Familie in hohen Ehren. Sein Enkel ist das Factotum meines Onkels, der ohne Kaufmann's Rath keine Geschäftsangelegenheit erledigen würde." „Die Israeliten haben überhaupt einen merkwürdigen Scharfblick im Geschäftlichen", bemerkte Orloffski, „ich kenne enragirte Antisemiten und darunter einen hervorragenden Antisemitenführer, die ihr Besitzthum von Israeliten verwalten lassen, ich selbst habe seit Jahren nichts unternommen, ohne es mit dem Löweustein überlegt zu haben. — Armer Mann, sein Unglück will mir nicht aus dem Kopf." „Vielleicht wird sich doch etwas für ihn thun lassen." Orloffski zuckte die Achseln. „Vorläufig läßt sich gar nichts thun für ihn, und müssen wir uns gegenwärtig darauf beschränken, für die Wiederherstellung seines Kindes Sorge zu tragen." „Armes Kind",— es scheint ein schönes Mädchen zu sein, haben Sie sie früher nie gekannt?" „Einige Mal habe ich sie gesehen, zuletzt vor ungefähr vier Wochen. Ich hatte in der Schankwirthschaft ein Glas Bier getrunken, als ich mich entfernte, vernahm ich ein Helles, melodisches Lachen, unwillkürlich wandte ich mich um und erblickte jenes unglückliche Kind, das jetzt so schwer darnicderlicgt. Es war in der That ein blühend schönes Mädchen, frische rosige Wangen und prachtvolle Augen, funkelnd in Lebenslust und Frische. Wer hätte ahnen können. —" „Haben Sie bereits erfahren, auf welche Art das arme Mädchen verwundet worden ist?" „Ich habe mich mit Absicht jeder Nachforschung darüber enthalten. Wenn es wahr ist, wie die Leute behaupten, daß sie mit ihrem Vater arretirt werden sollte, so könnte jede Erkundigung von Nachtheil sein. Daß jedoch nicht alles wahr ist, was man darüber spricht, davon habe ich mich bereits überzeugt. Der Kutscher hat doch gestern behauptet, daß die ganze Familie verhaftet worden wäre! wie ich jedoch heute erfahren, liegt Frau Löwenstein in ihrer Wohnung todtkrank danieder." „Wenn es nur gelingt, das junge Mädchen zu retten; ich interessire mich lebhaft für sie, Sie müssen mir öfters über ihr Befinden berichten." „Ich würde mich herzlich freuen, wenn ich Ihnen recht bald Gutes berichten könnte. Aber —" fügte er lächelnd hinzu, „was würde denn ihre Braut sagen, wenn sie erfahren würde, daß Sie sich für ein anderes junges Mädchen so lebhaft interessiren?" „Sie meinen, sie würde eifersüchtig sein?" fragte der Graf lachend, „da kennen Sie meine Thekla schlecht. Wenn sie wüßte, daß ich an dem Geschicke der Verunglückten Antheil nehme, so würde sie sich womöglich noch lebhafter für sie interessiren." (Fortsetzung folgt.)