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Der Israelit · 1889-04-29 · Heft 34 (29.4.1889) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 34 (29.4.1889)
Date
1889-04-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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596 selbst ihrer gefügigsten und gefährlichsten Werkzeuge entledigt, weil sie sich ihrer zu schämen beginnt. Vivant sequentes!" Noch weit schärfer in der Form fällt die „Volkzeitun g" ihr Verdammungsurtheil in einem Aufsatze: „Hier steht er, er kann anders!" Das Blatt schreibt: „Den Stöcker hatte „der Volkes erbarmt", er „war in den Abgrund gesprungen, er wußte nicht, wie tief er war", und nun sollte der „zweite Luther" der „zweite Kingsley" gehorsam zurückkuschen, nicht etwa weil ihm Elend oder Gefängniß oder Verbannung drohten, obgleich eS viele Tausende deutscher Männer gegeben hat, die tausendmal lieber in Elend, Gefängniß und Verbannung gingen, ehe sie auch nur den tausendsten Theil ihrer politischen Ueberzeugung opferten, sondern weil — der reich begüterte Mann seine Pfründe zu verlieren fürchtete. Welche moralisch-politische Selbstabmeuchelung! Welcher Hohn auf die Güter, die das deutsche Volk seit Jahrhunderten als die edelsten und höchsten zu schätzen gewußt hat! Aber vergessen wir darüber nicht: der Stöcker hat dem Volke den ersten Dienst geleistet, indem er sich feierlich vor aller Welt den Bauch aufschlitzte. DieS Ende, zu schmählich fast noch für die schmähliche Laufbahn, die es abfchlieht, zerstreut auch für die, welche sonst niemals alle werden, die letzten Schatten über das, was hinter den „sozialpolitischen Reformatoren" vom Schlage des Stöcker steht. Nichts als ein eitles und hohles Streberthum, nichts als eine greisenhaft-kindische Eitelkeit, nichts als die Sucht nach „rasend gutem Leben", wie Renegat Gentz in seinem Briefwechsel schön uud treffend aus der Seele solcher Biedermänner spricht. Mit dieser Sorte von Volksverführern und Volksverführung ist es für immer vorbei; nicht nur sich, sondern auch die „große Sache", die er vertrat, hat der Stöcker gemordet, als er seine Demagogie preisgab, um seine Pfründe zu retten. Und diesen Gewinn des Volkes wollen wir nicht unterschätzen. Er wiegt auf die Dauer schwerer, als der augenblickliche Gewinn, den die Reaktion aus der Beseitigung eines unbequemen Werkzeugs zieht. Luther und das Lutherthum haben einmal einen großen und in vieler Beziehung verhängnißvollen Einfluß aus unsere nationale Entwickelung gehabt, nicht weil sie jemals gesagt haben: „Hier stehe ich; ich kann nicht anders", — dies Wort ist bekanntlich nur eine geschichtliche Fabel — aber weil sie ungefähr so handelten, als hätten sie wirklich so gesprochen. Mit den „Reformatoren" aber, deren richterliches Bekenntniß lautet: „Hier stehen wir, wir können auch anders", hört nicht nur der Ernst, sondern auch schon der Spaß auf, und es bleibt nichts übrig, als ein aufrichtiger Ekel, der die Seele des Volkes ebenso peinigen mag, wie er sie hoffentlich reinigen wirb." - Die augenblickliche Verwirrung ist groß über alle Maßen. Die „Bürgervereine" sind in voller Auflösung begriffen, die „Berliner Bewegung" ist todt, der gemäßigte Antisemitismus Stöckers scheidet offiziell aus der Hetzbeweguug. Es bleibt somit der giftige Judenhaß des Junkerthums, wie ihn die „Kreuzzeitung" vertritt, und der Janhagel der „reinen Antisemiten" übrig. Ein Theil der Stöckerianer wird sich sicher der Radauclique anschließen, von der zweifellos nunmehr ein noch frecheres Auftreten als bisher zu erwarten ist. Dann aber werden voraussichtlich der Regierung endlich die Augen aufgehen über die Endziele dieser revolutionären Propaganda, und die herrlichen germanischen Bundesbrüder jenes Gesindels, das noch vor wenigen Tagen in der österreichischen Hauptstadt plünderte und raubte und den staatlichen Ordnungsruf mit Steinwürfen beantwortete, werden mit eisernen Besen aus den Gauen unseres deutschen Vaterlandes ausgefegt werden. Bl. Kreuznach. Dem „Oeff. Anz." wird von hier geschrieben: „Zum ersten Male seit dem Bestehen des hiesigen Gymnasiums fand am letzten Samstag Nachmittag eine Prüfung der jüdischen Schüler desselben in Glaubens- und Sittenlehre durch den Rabbiner Herrn Dr. Tawrogi statt. Ueber das Resultat derselben genügen wohl die tiefgefühlten Worte des Herrn Direktors Dr. Hollenberg, welcher derselben von Anfang bis Ende mit größtem Interesse beiwohnte. Er sagte ungefähr folgendes: Ich glaube im Sinne aller Anwesenden zu sprechen, wenn ich dem Herrn Dr. Tawrogi meine Anerkennung zolle, für die ersprießliche Thätigkeit, welche derselbe in der kurzen Zeit seines Hierseins entfaltete; und nachdem der Herr Director einige Knaben speziell wegen ihrer guten Antworten belobte, bemerkte er noch, wie es ihn freue, wenn das religiös-sittiche Gefühl der Jugend immer mehr gefördert werde, da die Religion der beste Führer durch's Leben sei. Hieran reihte sich am Sonntag Morgen von 9—12 Uhr die Prüfung in der israelitischen Religionsschule. Es war ein erhebender Moment als Herr Cantor Lehmann die Prüfung seiner Unterklassen mit einem choralähnlichcn hebräischen Gesang eröffnete. Dieselbe gestaltete sich durch die treffenden und vorzüglichen Leistungen der Kinder in allen Lehrfächern höchst ehrenvoll für Herrn Lehmann und mit großer Genugthuung erfüllte es die Anwesenden sich zu überzeugen, mit welcher Pflichttreue sich derselbe seinem nicht leichten Berufe widmet. Von 10 Uhr ab prüfte Herr Dr. Tawrogi die Schüler der Oberklassen in hebräischen Fächern, sowie die Schülerinnen der Töchterschulen und der Volksschulen auch in Glaubens- und Sittenlehre und auch hier hatten wir Gelegenheit zu .bemerken, mit welcher Pflichttreue und Hingabe sich Herr Dr. Tawrogi seinem Berufe als Religionslehrer widmet. Zum ersten Male seit dem Bestehen der isr. Gemeinde sahen wir um die beiden Lehrer nahezu sämmtliche Kinder (ca. 100) jeden Alters, reich und arm nebeneinander sitzend, alle wetteifernd auf einem Gebiete, das bis vor Jahresfrist noch vielen gänzlich unbekannt war, die Fragen ihrer Lehrer richtig zu beantworten, und es ist dies im reichsten Maße gelungen.

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