Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 34 (29.4.1889)
- Date
- 1889-04-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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595 Zeitungsnachrichten «nd Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 26. April. Das Unzulängliche ist Ereigniß geworden, alle Vertuschungskünste der frommen Reichsboten und edlen Kreuzritter werden an der Thatsache nichts ändern: Stöcker ist gestürzt. Wenn wir den Namen „Stöcker" nennen, so kann natürlich darunter nicht der Hofprediger gemeint sein, dessen Existenz uns kühl bis ans Herz hinan berührt, sondern der Demagoge, der Agitator, der Antisemit — und dieser ist gewesen! Was nicht der Verstand der Verständigen sah, was nicht das gebeugte Recht und die verfehmte Wahrheit vermochte, was nicht die judenfetndliche Wirksamkeit Stöckers, was nicht der „Zeuge Stöcker" und die unermüdlichen Angriffe der liberalen Presse bewirkten, ein schlichter „Amtsbruder" Hat es vollbracht, und man ist versucht, an das Talmudwort zu denken: „Aus dem Wald holt man die Axt, um den Wald zu fällen!" Es würde eine reiche Dosis Optimismus dazu gehören, um zu glauben, daß die antisemitische Strömung mit dem Sturze Stöckers auch nur irgendwie sich mindern sollte, es wäre noch thörichter zu meinen, daß seinen Sturz auch nur entfernt sein Antisemitismus verschuldet hätte, gleichwohl steht nunmehr die Thatsache fest, daß Stöcker seine Entlassung als „politischer Parteikämpfer" (wie die euphemistische Phrase der Antisemitenpresse lautet) erhalten hat, mag er als Abgeordneter weiter Hetzen oder nicht, mag er in den nächsten Tagen nach der Rückkehr von seiner Erholungsreise von den „allezeit Getreuen" umjubelt werden oder nicht. Stöcker war anfänglich entschlossen, sein Amt als Hofprediger niederzulegen, um der politischen Thätigkeit fern zu bleiben. Graf Waldersee hat besonders, wie die „Berliner Neuesten Nachrichten" mittheilen, eifrig auf Herrn Stöcker eingewirkt, um ihn zu einer anderen Entschließung zu bewegen. Infolge dieser und einer anderen, von sehr hoher Sette kommenden Intervention entschied sich Herr Stöcker, die politische Arena zu verlassen und in seinem geistlichen Amte zu bleiben. Wir haben bereits in wenigen Worten die „Wirksamkeit" Stöckers und die Bedeutung seines Rücktrittes als Agitator beleuchtet, und es ist überflüssig, dem noch ein Wort anzufügen. Interessant ist es, die Stimmung zu beobachten, welche der Fall in der Presse hervorgerufen hat. Diej„N orddeutsche Al lg. Zeit." beschränkt sich nur darauf, die meist stöckerfeindlichen Ansichten anderer Blätter zu citiren. > „Reichsbote" und „Kreuzzeitung" rasen und kühlen ihre Wuth in Brandartikeln gegen die Juden. Der „Reichsbote" schreibt: „Stöcker ist nicht von seiner öffentlichen Thätigkeit zurückgetreten, er wird, sobald er von einer kleinen, in Familienangelegenheiten nothwendigen Reise zurückgekehrt ist, seine Thätigkeit in der christlich-socialen Partei fortsetzen, nur wirb er sich vorläufig von dem eigentlichen politischen Parteikampfe fern halten, weil er denselben unter den gegenwärtigen Verhältnissen für zwecklos hält. Sobald er sich aber überzeugt, daß diese Zurückhaltung schädlich wirkt und ein Wiedereintreten in den Parteikampf nothwendig ist, wird er wieder in denselben eintreten; seine Entschließung ist durch nichts behindert. Vorläufig, bis nach den nächsten Reichstagswahlen wird der Parteikampf in Berlin durch Stöcker nicht gestört werden. Selbstverständlich werden sich unter den obwaltenden Verhältnissen auch seine Gesinnungsgenossen des Parteikampfes enthalten. Die Mittelparteiler werden Gelegenheit haben, ganz ungestört zu zeigen, was sie können." Die ultramontane „Germania" schreibt, daß auf Veranlassung des Kaisers ein offizieller Verzicht Stöckers auf die antisemitische Agitation vorliege, die „Kölnische Zeitung" verfichert, daß sie in Herrn Stöcker stets nur „eine widerwärtige Sorte protestantischer Muckerei und Ketzerrichterei bekämpft habe, die aus dem kirchlichen Gebiete in das Staatsleben übergreifen möchte", und der orthodoxe „Evangelisch-kirchliche Anzeiger" will „mit dem Thun und Treiben des Hofpredigers Stöckers" nichts gemein haben. Die nationalliberale Presse erhofft von dem Rücktritt eine heilsame Wirkung auf die Erfolge der Mittelparteien bei den Wahlen und die freisinnigen Blätter schreiben durchweg packende Nekrologe. Das „Berl. Tg bl." schließt seinen Nachruf mit den Worten: „Dem schreienden Widerspruch, daß ein Träger deS Tatars, ein Hof- und Domprediger sein hohes, amtliches Ansehen zu einem demagogischen Treiben unchristlicher und rohester Art mißbrauchte, ist nun endlich ein Ziel gesetzt. Die widerliche Spielart des Massen- und Rassenhetzers im Hofpredig erge wände scheidet aus unserem öffentlichen Leben aus. Aber hätte nicht, was jetzt geschieht, schon früher mit derselben Leichtigkeit und mit besserem Erfolge geschehen können? Hätte nicht eine Menge von Verwirrung und Verhetzung vermieden und unserem Vaterlande die Ausbreitung einer traurigen Mißbildung erspart werden können, die der verewigte Kaiser Friedrich als eine „Schmach" für alle Zeiten gebrandmarkt hat? Ist der Hofprcdiger-Demagoge heute verwerflich und gefährlich, warum war er es nicht schon seit Jahr und Tag? Und hat man nicht seither durch Duldung begünstigt und gehätschelt, was man heute zu beseitigen für Pflicht hält? Das sind Fragen, die sich jetzt nicht abweisen lassen, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als ob Stöcker die Rolle des Mohren gespielt, der seine Arbeit gethan und nun gehen kann. Die schlimme Saat, die er dabei mit hoher obrigkeitlicher Erlaubniß ausgestreut, wird nicht so schnell verweht sein. Dennoch wollen wir unsere Befriedigung über das Gericht nicht verhehlen, das nun doch noch, wenn auch ziemlich verspätet, über diesen Apostel des Hasses hereingebrochen ist. Wir er- ' blicken darin ein ermunterndes Zeichen, daß die Reaktion sich