Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 32-33 (25.4.1889)
- Date
- 1889-04-25
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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586 zu Stufe immer mehr für die heiligen Lehren unseres Glaubens zu gewinnen. Der Lehrerinnenkursus wurde von drei jungen Lehrerinnen mit bestem Erfolg besucht. Die Schule wurde von 255 Kindern besucht. In dem mit der Schule verbundenen Forschungshause (Beth-Hamidrasch) wurden täglich, in drei zu verschiedenen Tageszeiten anberaumten Stunden, Vorlesungen aus fast allen Gebieten der jüdischen Wissenschaft gehalten. Unter den Hörern sind neben gereiften Männern junge Leute, die sich für den Eintritt in das Rabbinerseminar, andere, die sich für das Gymnasium vorbereiten, und einer, der die Prima des Gymnasiums verließ, um sich als Elementarlehrer auszubilden. Nicht weniger regelmäßig und eifrig als diese nahmen auch junge Leute aus dem Kaufmannsstande an den Vorlesungen theil, und eine Anzahl von Lehrgegenständen hat auch ältere Herren angezogen, die nach den Mühen des Tages eine Abendstunde unter Jüngeren verleben, um mit ihnen gemeinsam der wissenschaftlichen Forschung zu folgen. Wiederum haben wir eine reiche Anzahl von Gaben und Jahresbeiträgen zu verzeichnen, wofür wir allen Spendern unsren herzlichen Dank sagen. Wir hoffen, daß wir anch ferner uns der thätigen Mithilfe wohlwollender Menschenfreunde zu erfreuen haben werden. Stehen uns doch neue Ausgaben bevor, die die Erweiterung unserer Bestrebungen mit sich bringt. Wir hatten nämlich die Erfahrung gemacht, daß manche Eltern, die im Westende der Stadt wohnen, Bedenken trugen, ihre Kinder den zeitraubenden Weg nach unserer Schulanstalt machen zu lassen. Daher wandten wir uns an hochlöbl. Curatorium mit der Bitte, uns einige Klassenzimmer des städtischen Gymnasiums zum Zweck der Unterrichtsertheilung an Knaben aus dem Gymnasium und andren städtischen Schulen zu überlassen. Das Curatorium sowohl, als Herr Gymnasialdirektor Dr. Reinhardt kamen unsren Wünschen aus das Bereitwilligste und Freundlichste entgegen, und mit Beginn des neuen Schuljahrs wird unser Unterricht im Gymnasium eröffnet werden. Oesterr. - Ungar. Monarchie. Wien. Kürzlich kam die Nachricht aus Rußland, daß der kaiserlich-königliche Hofschauspieler Adolph Ritter v. Sonnenthal während seines Gastspieles in Riga in seiner Eigenschaft als Oesterreicher und Jude einen Ausweisungsbefehl zugestellt erhielt, der jedoch wieder zurückgenommen sei. Die „N. Fr. Pr." berichtet über diesen kuriosen Vorfall: Sonnenthal war am 30. März nach Riga gekommen, wo das gebildete deutsche Publikum mit ungewöhnlicher Spannung seinem Gastspiele im Stadttheater entgegensah. Daß die russischen Behörden die deutschen Bestrebungen in den baltischen Provinzen mit scheelen Augen verfolgen, ist bekannt, es hat seit jeher an ernsten Vexationen gegen die Deutschen dort nicht gefehlt, doch glaubte Niemand, daß sich diese Tendenz auch bei einem gänzlich unpolitischen Anlasse äußern würde. Sonnenthal trat am ersten April (Montag) als Hamlet, dann am Mittwoch und Donnerstag als Attache und Riesler auf und versetzte jedesmal das Publikum in Begeisterung. Nachdem der Künstler unbehelligt dreimal vor einem Publikum von 14- bis 1500 Personen gespielt hatte, erfährt der Polizeiminister Wlassowski durch irgend einen schnüffelnden Denuncianten, daß Sonnenthal Jude sei. Sofort erinnerte sich der edle Russe einer Verordnung des Ministeriums des Innern, laut welcher ausländ, jüd. Kaufleute und Händler und zumal österr.-ung. Juden, auch wenn sie nicht Kaufleute oder Händler sind, ohne besondere Erlaubniß nicht länger als drei Tage auf ruff. Gebiete weilen können. Kraft dieser Verordnung bedeutete der Polizeimeister am Freitag, den 5. April Abends, dem vom deutschen Publikum Rigas hochgefeierten Künstler, daß er sofort Riga zu verlassen habe. Die Sache war Samstag Früh bereits in der Stadt verbreitet. Sie erregte das größte Aufsehen und allgemeines Aergerniß; mau fühlte, daß zugleich ein Schlag gegen das deutsche Theater und das Deutschthum überhaupt beabsichtigt sei und daß Sonnenthal's Religion nur als eine willkommene Handhabe benützt werde. Schon am Freitag Abends hatte übrigens der österreichische Konsul in Riga an seinen nächsten Vorgesetzten, den österreichischen General-Konsul in Petersburg, um Intervention des österreichisch-ungarischen Botschafters üfcun Minister des Innern telegraphirt. Da Samstag ein russischer Feiertag war, gestaltete sich an diesem Tage die Erlangung einer Entscheidung schwierig. Der Polizeimeister der Stadt, vielleicht doch über seinen Schritt etwas bedenklich geworden, gestattete vorläufig die für Samstag bereits angesetzte Sonnenthal-Vorstellung, mit der Bedingung, daß die Genehmigung des Ministers des Innern von Sonnenthal nachgeliefert werde. Für Samstag war — der Zufall kann ja zuweilen sehr satirisch sein — „Urtel Acofta" angesetzt, und Sonnenthal gab im zweiten Akte unter dem Jubel eines überfüllten Hauses die bekannte Erklärung ab: „Ihr dürft mir fluchen, denn ich bin ein Jude." — Am Sonntag Nachmittag endlich erhielt der österreichische Konsul in Riga nicht vom General-Konsul, sondern