Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 32-33 (25.4.1889)
- Date
- 1889-04-25
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447947-2447979--28407-2476088- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
xxx. Jahrgang. Zweite Beilage m M 32 & 33 -es „Israelit" & „Mthurun”. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. ' Mainz, 24. April. Eine der vorzüglichsten Pflanzstätten talmudischer Gelehrsamkeit befindet sich seit nahe einem Jahrhundert in Wo los in, im Gouvernement Wilna. Dieselbe wurde unter Mithilfe des berühmten Gaon Rabbi Elijah aus Wilna durch dessen vornehmsten Schüler Rabbi C h a j i m, Verfasser eines werthvollen Werkes über die Unsterblichkeit der Seele, gegründet und seitdem stets durch dessen Nachkommen geleitet. An der Spitze der Anstalt, aus welcher große und berühmte Talmudgelehrte hervorgegangen sind, steht nunmehr seit vierzig Jahren ein Enkel des Begründers, Rabbi Hirsch Löb Berlin, einer der hervorragendsten Gelehrten der Gegenwart; er ist der Verfasser eines hochgeschätzten Commentars zu den Schöelthot, und sein Pentateuch-Commentar iti payn hat der Erklärung des heiligen Schristwortes ganz neue Bahnen eröffnet. In neuester Zeit hat dieser gelehrte Rabbiner zwei kleinere, aber sehr werthvolle Arbeiten veröffentlicht, einen Commcntar zum hohen Liede und einen andern zur Hagadah schel Peßach, über die wir später s. G. w. Bericht erstatten wollen. — An der Jeschibah zu Wolosin ftudiren stets 300 bis 500 Talmudjünger. Vor zwei Jahren ist die Stadt von einem schrecklichen Brandunglücke heimgesucht worden, durch dessen traurige Folgen auch die Jeschiwah Noth leidet. In Folge dessen hat Herr Rabbiner Berlin einen Sendboten nach Deutschland geschickt in der Person des gelehrten Rabbi Scheftel Rosenberg, damit wohlthätigeGlaubensgenossen in Dentschlard Gelegenheit finden, diese hochwichtige Pflanzstätte echtjüdischen Wissens zu unterstützen. Möge Herr Rosenberg überall freundliches Entgegenkonimen und reichliche Förderung des von ihm vertretenen heiligen Zweckes finden. Frankfurt a. M. Der Einladungsschrift zu der am Samstag den 13. April 1889 stattgefundenen öffentlichen Prüfung der Israelitischen Religionsschule zu Frankfurt a. M. entnehmen wir: Das abgelaufene Schuljahr hat aufs Neue den Beweis geliefert, daß bei Eltern und Kindern für die Wichtigkeit und Bedeutung des Religionsunterrichtes nicht allein Sinn und Verständniß, sondern auch die Bereitwilligkeit zugenommen hat, für ihn überall da, wo Raum und Zeitverhältnisse den Besuch der Anstalt nicht allzusehr erschweren, auch ein kleines Opfer zu bringen. Unser schönes Schulhaus mit seinen großen Räumen und das Entgegenkommen unserer Lehrkräfte haben es möglich gemacht, jeder Klasse die Zeit zu widmen, die ihr am gelegensten ist. Ja, wir haben Parallelklassen errichtet, damit auch in Bezug aus dieselben Pensen jedes Kind der betreffenden Klasse die ihm passende Zeit wählen könne. Die Religionsschule hat dadurch zwar nicht alle Schwierigkeiten in dieser Beziehung überwunden; aber, indem sie darauf Bedacht genommen hat, die Zeit der Kinder nicht zu zerstückeln, ist erreicht worden, daß der Religionsunterricht und die häuslichen Arbeiten für die öffentlichen Schulen einander nicht mehr im Wege stehen. Freilich ist das noch nicht alles. Denn beinahe anspruchsvoller als die ernsten Arbeiten für die Schulen treten die kleinen, freien Gegenstände des Privatunterrichtes mit ihren unzähligen und fast unberechenbaren Wünschen auf. Schulen haben ihren Plan, ihre Normen, ihre Zeit, mit denen man rechnen kann, sie haben zu ihren Forderungen volle Berechtigung, mit der man rechnen muß; aber wie könnte die Religionsschule bei der Feststellung ihrer Stunden auch noch Rücksicht nehmen auf die verschiedenen kleinen Künste und Fertigkeiten, die für jedes Kind anders gewählt und anders gelegt sind? Wenn wir au die Eltern die Mahnung richten, hierin Maß zu halten, sind wir überzeugt, im Sinne aller Freunde der Jugenderziehung zu sprechen, da unzweifelhaft diese Gegenstände einen wesentlichen Antheil an der Ueberbürdung unserer Kinder haben. Wir wissen wohl, wie das zumeist geschieht. Kinder äußern den Wunsch, das zu lernen, was dieses oder jenes Kind auch lernt, das kindliche Gemüth verspricht sich gerade von dem die meiste Freude, was es noch nicht kennt, und die Eltern, ohne näher zu prüfen, geben nach und meinen, ihrem Liebling eine Freude zu machen, während sie auf die jungen Schultern eine drückende Bürde legen. Die Eltern bitten wir, uns die Kinder so früh wie möglich zuzuführen. Sind die Kinder erst in der Religionsschule, dann übernimmt diese mit der vollen aus den bisherigen Erfahrungen geschöpften Zuversicht die Aufgabe, alle Hindernisse zu überwinden und die ihr anvertrauten Schüler von Stufe