Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 32-33 (25.4.1889)
- Date
- 1889-04-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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578 Das jüdische Genoffenschaftswesen ist mustergiltig für das Vereinswesen geworden, welches außerhalb des jüdischen Kreises zu humanen Zwecken die Kraft und das Streben der Einzelnen zu einem Bunde einte, dessen Wirken bedeutender und ersprießlicher ist, als die Summe der gesonderten Bethätigung der Einzelbestrebungen. Das jüdische Genoffenschafthivesen hat zur Nachahmung aufgefordert und spornt noch fortwährend zu ähnlichen Gestaltungen an. Wir haben in Kürze an dieses alte echtjüdische Genossenschaftswesen erinnern wollen, um einer Erscheinung der allerjüngsten Gegenwart gerecht zu werden, welche in einer Anzahl jüdischer Gemeinden zu Tage tritt. Wir meinen jene Vereinigung, welche unter dem Namen „Benai Brith", d. i. Bundesbrüder, von manchen Seiten eifrig gefördert wird. Obgleich wir bereits des Oeftern Veranlassung genommen haben, uns mit diesem Orden und seinen Logen zu beschäftigen — wir haben im „Jeschurun" 1887 Nr. 24, 25 und Nr. 27 das Wesen dieses Ordens darzulegen uns bemüht, haben ferner im „Jeschurun" 1888 Nr. 13, 14, 15, 16, 17, 18 eine Darstellung des Wesens desselben in einer Schilderung der amerikanischen Logen aus dem Jahre 1857 gebracht, haben in Nr. 20, 21, 22 den Bericht des Dr. Eduard Gutmann in Newyork, welcher von der Großloge daselbst beauftragt war, die Installation der Germania-Loge Nr. 335 in Halle a. S. vorzunehmen, ausführlich mitgetheilt — so glauben wir uns doch der von hochgeschätzter Seite an uns herangetretenen Aufforderung nicht entziehen zu sollen, abermals diesen Orden zum Gegenstand unserer Betrachtung vor der Oesfentlichkeit zu wählen, weil wir in der That in diesem Bunde eine Trübung der jüdischen Wahrheit, eine Gefahr für die Reinheit des jüdischen Bewußtseins und den Aufbau des Lebens in jüdischem Geiste zu erblicken glauben. Der „U. O. B. B." (United Order Benai- Berith) ist eine Nachahmung des Freimaurer-Ordens. Das wäre an sich kein Grund, ihm entgegenzutreten. Gilt doch im Judenthum der Satz: das Wahre und Gute von jeglicher Seite anzunehmen. Es handelt sich aber darum, ob es wahr und gut ist, was dargeboten wird. Die Freimaurerei hat den gewiß lobenswerthen Zweck, die Erhebung des Menschen zum Idealen zu bewirken. Sie sucht dieses durch Ausübung bestimmter symbolischer Handlungen, durch Förderung humaner Grundsätze und durch Werke der Menschenliebe zu erreichen. Die Angehörigen dieses Bundes haben die Ordenszeichen und den Ordenscultus geheim zu halten. Der Orden soll von jeglichem Religionsbekenntniß absehen und ohne Berücksichtigung der Abstammung und des religiösen Bekenntnisses den Aufzunehmenden lediglich nach seinem sittlichen Werthe prüfen. Daß dieses allerdings nicht überall geschieht, daß namentlich viele Logen den Juden den Eintritt versagen, ändert an dem Grundprinzipe der idealen Freimaurerei nichts; es zeigt nur, daß viele Freimaurer denselben nicht entsprechen. Man wird schwerlich gegen das Prinzip der Freimaurerei etwas einzuwenden haben, wenn auch nicht abzusehen ist, was die Geheimnißthuerei mit dem Kultus des Ordens für einen vernünftigen Zweck hat. Das Gute, Wahre und Vernünftige kann sich aller Welt offen kundthun. Die Gefahr der Mißdeutung und des Mißverständnisses ist viel größer bei dem geheimnißvollen Dunkel als bei der weitesten Oeffentlichkeit. Der Benai-Berith-Orden umgibt sich ebenfalls mit dem Geheimniß seines Rituals und erweckt damit in dem Kreise der Judenheit allerdings von vornherein ein gewisses Mißtrauen. Mag man anderswo an mysteriösem Gebühren sein Gefallen haben; auch der Pythagoräerbund, die Therapeuten, der Druidenorden, dieCuldners u. A. sollen sich in Mysterien gehüllt haben; die jüdischen Genossen- und Brüderschaft traten stets offen hervor. Hier gab es so wenig Geheimnisse, wie in dem Judenthume, auf dessen Boden sie sich entwickelten. Es ist durch und durch unjüdisch, eine edle Bestrebung mit mysteriösen Narretheien zu verbrämen. Was in jüd. Kreisen Anspruch auf Vertrauen und Anerkennung haben will, darf nicht in dem Mummenschanz wichtigthuenden Geheimnisses austreten. Weder das alte Chawerthum, noch die Chewroth haben es versucht, eine Anziehung dadurch ausüben zu wollen, daß sie irgend etwas in ihrem Wesen geheim hielten, welches sie nur den Eingeweihten, den Mitgliedern der Genossenschaft offenbaren könnten. Sie suchten und suchen Genossen zum gemeinsamen edlen Wirken durch die offenste Darlegung ihrer Ziele und ihres Wesens. Sie haben nichts zu verschweigen, ^nichts zu verhüllen. Wer mit ihnen arbeiten will, wer sich ihnen in reiner Gesinnung anzuschließen bereit ist, wer mit ihnen die gleiche Gesinnung hegt, der ist ihnen ein willkommener Genosse. Sie haben dafür nichts zu bieten, als das Bewußtsein theilzunehmen an einem edlen Werke. Sie verschmähen es, durch den Reiz eines besonderen Etwas, das außer ihrem Kreise niemand kennt, dessen Bekanntschaft dem Wissenden den kindischen Dünkel eines Besonder» verleiht, Mitglieder für ihre Genossenschaft anzuwerben und ihrer Vereinigung einen leeren Nimbus zu vindiciren. Ernsten Männern geziemt nach jü-