Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 32-33 (25.4.1889)
- Date
- 1889-04-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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572 er hat sich auf die Pfründe von 18000 Mark Jahresgehalt zurückgezogen, seine Nolle als Haupt der „christlich-sozialen" Partei scheint vorläufig ausgespielt. Damit ist denn die traurige Wirksamkeit des Vaters zu Ende gegangen, ein Blatt in der neueren Geschichte zu Ende geschrieben, über dessen Inhalt der Leser der Zukunft einst beschämt erröthen wird. „Beim Falles deines Feindes freue dich nicht!" — so mahnt uns ein altes Wort, und fürwahr, nicht liegt uns ferner, als Beifall zu klatschen, da sich der Vorhang vor dem sterbenden Helden eines traurigen Schauspiels senkt. Es dünkt uns überflüssig, noch einmal die Steine aufzulesen, die der verflossene Agitator Stöcker in den letzten zwölf Jahren auf unsere Ehre, auf unfern Glauben, auf unsere soziale Rechtsgleichheit geworfen hat, und um so überflüssiger, als ja ganz andere Gründe als sein Antisemitismus seine politische Rolle einem jähen Ende entgegengeführt haben. Aber gleichwohl wird kein Gesitteter sich einer gewissen Genugthuung darüber erwehren dürfen, daß das gekrümmte Recht die wenn späte Sühne gefunden, und daß es für alles eine Nemesis gibt auf Erden. Gewiß, Herr Stöcker war, zumal in den letzten Jahren, der Schlimmsten einer nicht, aber der Gefährlichsten einer ist er immer gewesen. Sein historischer Frevel war der, daß er, der einflußreiche, mit hinreißender Beredsamkeit ausgerüstete Geistliche gewisse zweifellos vorhandene Auswüchse des modernen Judenthums aufgriff, um vor dem urtheilslosen Pöbel Neid und Haß, Zwietracht und Verachtung zu säen, um einer angeblichen Judenmacht, die in Wirklichkeit überhaupt nicht bestand, den Vernichtungskampf zu erklären. Nie lwollte er unsere Gleichheit vor dem Gesetze antasten, wohl aber agitirte er unermüdlich, und mit theilweisem Erfolge, für die Aufhebung dieser Gleichheit auf dem Verwaltungswege, nie wollte er die Emancipation rückgängig machen, wohl aber unterschrieb er jene berüchtigte Petition an den Reichskanzler, nie wollte er unseren Glauben angreifen, und doch wies er auf Tisza Eszlar hin, schmähte er das Kol niedre, höhnte er, „noch einige Wochen vor seinem eigenen Falle, über den „Fall Bernstein." Herr Stöcker war viel zu klug, um selbst alles zu glauben, was er seinen Gläubigen vortrug, aber er mußte die derbe Kost der Unwahrheit bieten, um die Massen hinreißen und sanatisiren zu können. Und ein wie herrlicher Meister ist er gewesen, wie treffliche Schule hat er gemacht! Die Zeche der Böckel und Consorten, der rassenantisemiten Brüder in Ungarn, der russischen Verfolgungen wird der unparteiische künftige Geschichtschreiber einst auf das Conto des Hospredigers Stöcker setzen müssen, die Flammen von Neustettin werden den Beginn der modernen von Stöcker inaugurirten Antisemitenbewegung einst beleuchten. Der unselige Brand des Hasses hat ganze Länder ergriffen, und nun wirft man das Streichholz fort; die Komödie ist bereits über alle Bühnen gegangen, und der Dichter stirbt! Und doch scheint es eine seltsame Fügung zu sein, daß gerade in dem gegenwärtigen Augenblicke der Agitator Stöcker entlassen wird. „Und hart will ich bleiben lassen das Herz Pharaos, daß er ihnen nachjage, und verherrlichen will ich mich an Pharao und an seinem ganzen Heere und Egypten soll erkennen, daß ich der Ewige bin!" — so werden wir morgen am siebenten Peßachtage lesen. Ein von dem Blitzstrahl des Herrn getroffener Pharao bietet kein Wunder; wo er es am wenigsten erwartete, dort kam sein Sturz. Die Verdammung Stöckers durch Kaiser Friedrich hätte dem Verurtheiltcn in gewissen Kreisen den Glorienschein des Märtyrers um das Haupt gewoben; die Regicrungstage des Fürsten mußten kommen, den die Anhänger Stöckers verlogener Weise als einen Judenfeind verdächtigten, und — der jauchzende Agitator fällt! jOfsiziell ist er gefallen, mag er seine Rolle als Abgeordneter weiter spielen oder nicht. Mit dem Abgang des Herrn Stöcker ist auch die antisemitische „Be rli n e r Bewegung" todt, und es ist hohe Zeit, daß sie sich begraben läßt. Am 5. Mai wird die Welt den Tag festlich begehen, wo vor hundert Jahren mit dem Zusammentritt der Reichsstäude in der französischen Hauptstadt jene Morgenröthe anbrach, welche den Gedrückten die Sonne der Gleichheit hell ausstrahlen ließ: die hundertste Wiederkehr dieses Tages wird nicht mehr das beschämcndeSchauspiel eines gegen die Sache des Rechts eifernden Priesters schauen. Bl. Berlin, 20. April. Die jüdische Gemein d e hat nunmehr auch einen Jugendgotte sb i e ii ft für jeden Sabbat-Nachmittag eingerichtet. Der erste gestern stattgehabte war, wie man uns mittheilt, von einigen tausend jüd. Kindern besucht; die Ansprache hielt Rabbiner Dr. Ungerleider. Dieser Gottesdienst ist allerdings nur ein kalter Tropfen auf den heißen Stein; wir begrüßen indeß auch diese, wenn auch kleine Wendung zum Bessern in der religiösen Jugenderziehung mit Freuden. — Der Verein zu Vorb ereitung derRepr ä se u t a n ten-W a h l e n hat sich nunmehr unter dem Vorsitz der Herren Leichten tritt, Haber und Kantorowitz constituirt. Herr Conrad Scheyer referirte über die Thätigkeit der 75er Com-