Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 32-33 (25.4.1889)
- Date
- 1889-04-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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571 hier zu thun haben, und Rabbi, der Lehrer von ganz Israel, hat diesen Ausspruch an die Spitze des vierten Buches unserer weisheiterfüllten Meßachta gestellt. Wir müssen uns also bemühen, alle diese Fragen zu beantworten und die Aussprüche des großen Weisen in das richtige Licht zu stellen. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 20. April. Der Director der Religionsschule der israelit. Synagogengemeinde Adaß Jisroel versendet zu einer öffentlichen Prüfung eine Einladungsschrift, der wir die folgenden Sätze entnehmen: „Wir nehmen keinen Anstand, hier es unumwunden auszu' sprechen, daß es für uns nichts als ein schwacher Anfang ist, wenn das Kind bekennen lernt: Ich glaube an den Einen Einzigen, an seine Ewigkeit und an sein geofsenbartes Wort. Dieser „Glauben" verbürgt uns keinen faßbaren Er!olg, das Kind muß wissen, wie es religiös leben soll. Wahrlich keine geringe Aufgabe, aber doch völlig erreichbar, wenn wir uns eines wohlwollenden Entgegenkommens der Eltern erfreuen können. Dieses Wohlwollen besteht nur und ausschließlich in dem Willensausdruck der Eltern, welche fest und beharrlich, ohne jede Einschränkung den Kindern erklären müssen, daß dieselben unserer religiösen Anleitung Folge zu leisten haben. Alle anderen gefürchteten und viel beklagten Hindernisse vermögen wir hinwegzuräumen, Einflüsse, welche von außen her auf das kindliche Gemüth einstürmen, vermögen wir zu überwinden, oder doch ihre schädlichen Wirkungen einzudämmen; aber in einem Kampfe gegen das elterliche Machtwort müssen wir in der Regel unterliegen. Doch, wohl verstanden, „wir sind der unterliegende Theil", d. h. nichts anderes, als daß unsere erziehliche Thätigkeit nutz- und spurlos verrinnt, daS Kind, unfähig zwischen zwei Autoritäten zu entscheiden, die fruchtbringende Saat der Religion nicht aufzunehmeu vermag, Dornen und Disteln in unabsehbarer Menge das ergiebige Ackerfeld bedecken und sich mit jedem Morgen mehren. Darum wiederholen wir: Ein Band herzlichen Entgegenkommens muß Familie und Schule innig und fest umschlingen. Von Liebe und Vertrauen müsseu die gegenseitigen Beziehungen getragen sein. Wenn dagegen die Familie leichtfertig einreißt, was wir mühsam erbauen, wenn sie sich nicht zu verstehen bemüht, welchen Zweck wir durch unsere wohlerwogenen Anordnungen anstreben, wohl aber — nicht selten in liebloser Weise — unsere Thaten richtet, dann ist es nicht zu verwundern, wenn der Blick auf ein Höheres verdunkelt und unsere Jugend immer mehr in den Dienst des sinnlichen Lebens tritt und alle Zucht und Sitte verwirft. Der praktische Nutzen und Gewinn wird ihr Ideal, der Genuß ihr Ziel, wer sie in diesem Streben hindert, ist ihr Gegner und | wer ihr dazu nicht behilflich sein kann, ist ihr gleichgiltig. Hat erst diese unglückselige Eigensucht in dem jugendlichen Herzen Boden gewonnen, dann bleibt nur ein Schritt zur kalten Undankbarkeit und zum Abfall von Vater- und Muttersitte, Geringschätzung des elterlichen Hauses. Diesem Uebel kann keine Wissenschaft und keine Kunst dieser Erde Vorbeugen, diese Schwächen können nicht durch die feinsten Umgangsformen verhüllt werden; gegen diese moderne gesellschaftliche Krankheit können nur aus dem festen, gesunden Boden des Glaubens heilkräftige Pflanzen gezogen werden." Die Prüfung nahm den gewohnten Verlauf und schloß mit einer Ansprache des Direktors und Verkeilung von Prämien, zu denen auch ein von Herrn Selig Goldschmidt in Frankfurt gespendetes Exemplar des als Festgeschenk für die Jugend so trefflich geeigneten „Montefiorealbums" des Dr. Fiebermann zählte. An der Anstalt wirkten bis zum Semesterabschluß in 7 Knaben- und 5 Mädchenklassen fünf Ordinarien, drei seminaristisch geprüfte Lehrerinnen und drei Hilfslehrer. Die ebenso liebenswürdige wie treffliche pädagogische Kraft des nach Karlsruhe berufenen Dr. Mannheimer scheidet aus dem Collegium, Dr. Wreschner ging schon vor einigen Monaten als Rabbiner nach Samter, und Frl. Jacobsohn trat nach dem Schulberichte in den Ehestand. Bl. Berlin, 20. April. Hofprediger Stöcker tritt vom Schauplatz seiner politischen Thätgkeit ab — so melden heute übereinstimmend zahlreiche Blätter. Ich habe es bisher mit gutem Grunde vermieden, den Lesern von den mannigfachen Gerüchten über eine Entsetzung oder sonstige Disziplinirung des Hofpredigers Stöcker Kenntniß zu geben, und die Entwickelung der Ereigniffe gab mir Recht; die heutige Meldung scheint indeß derart begründet zu sein, daß auch die jüdische Oeffentlichkeit mit ihr zu rechnen hat. Schon vor Monaten schrieben wir, daß der Streit des Herrn Stöcker mit seinem Amtsbruder Pastor Witte für ersteren von verhängnißvoller Bedeutung werden könne, und er ist es in Wirklichkeit geworden. Die Herrn Stöcker nachgewiesenen Jrrthümer und gesetzlich verbotenen Beeinflussungen veranlaßten anfänglich den Oberkirchenrath zu dem Entschlüsse, den Angeklagten seines Amtes als Hofprediger zu entsetzen; die mächtigen Einflüsse hochstehender Persönlichkeiten aber retreten in Herrn Stöcker den Hofprediger, den politischen Agitator vermochten sie gegenüber dem Drängen des Fürsten Bismarck nicht zu retten. Herr Stöcker selbst hat sich, wie officiös versichert wird, vor die Alternative gestellt, Agitator oder Geistlicher zu sein, für den Hofprediger entschieden,