Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 30-31 (15.4.1889)
- Date
- 1889-04-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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XXX. Jahrgang. Erste Beilage;u^30Z- 31 Des „3srnelit“&„Aeschurun". Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Aus dem Nhein-Ruhrgebiete. Der „Israelit" brachte vor etlichen Wochen aus dem Hunsrück einen Artikel über die dortigen religiösen Verhältnisse. Als ich denselben mehrmals aufmerksam durchgelcsen hatte, dachte ich darüber nach und fand, daß es nicht allein in der genannten Gegend so nnreligiös zugeht, sondern daß es in dem Rhein- Ruhrbecken noch tausendmal schlimmer ist. Es sei fern von mir, durch meinen Artikel Aufruhr und Zwietracht unter den hiesigen jüdischen Gemeinden zu säen, nein! als echter Jehudi, der ich doch noch einen Funken Liebe und Anhänglichkeit zu meinem Glauben besitze, muß ich das religiöse Treiben in hiesiger Gegend veröffentlichen. Beginnen wir mit der norncr. In den Gemeinden, wo in hiesiger Gegend ein städtisches Schlachthaus ist, ist allerdings ein onw — ob solcher auch gewissenhaft mit seiner Function vorgeht, mag dahingestellt sein — angestellt. aber wie sieht es in den Gemeinden in hiesiger Gegend aus, die kein städtisches Schlachthaus haben? Es ist mir eine Gemeinde bekannt, woselbst 25 jüdische Familien wohnen und darunter sind 8 Metzger, welche zum größten Theil auch Schweine schlachten, und diese Metzger schächten das Vieh selbst, trotzdem daß sie unsere heiligen Sabbate, Fest- und Feiertage öffentlich entweihen und sich nicht einmal scheuen, am 1. Tag Rosch-Haschouoh öffentlich am Markte ihre. Waaren feilzubieten. Ob dieselben alle rftap haben, mag dahingestellt sein und wenn sie die Funktion gerade wünschen, so finden sich auch in dem aufgeklärten Rheinland Rabbiner, welche für eine gewisse Taxe einem jeden Manne r6ap geben, selbst wenn er kaum hebräisch lesen kann. Nachdem ich in kurzen Umrissen hier über die nv'^-Angelegenheit gesprochen, so will ich noch bemerken, daß in hiesiger Gegend, wo es jüdische Gemeinden gibt mit über 200 Familien, man die Sabbate und Festtage schon längst nicht mehr nach jüdischem Ritus hält, selbst der Jaum-Hakkipurim, wiewohl da alle Manufacturwaarengeschäfte, sowie auch die Metzgerbuden geschlossen sind, wird von Vielen ohne Fasten, ohne Buße, ja ohne nur einmal das Gotteshaus zu besuchen, gehalten. Diese Herren sind nämlich über alles erhaben und erklären alles für nnwU Daß ein solches Leben auf unsere Jugend sehr schädlich wirkt, ist ja selbstredend. Zu Hause werden die Kinder zur Religion nicht angehalten, sie hören und sehen nichts, was jüdisch ist. Ja, es sind mir Fälle bekannt, daß Knaben von 16 Jahren nicht mehr hebräisch beten können und wenn solche gerade beim Gottesdienst anwesend sind und aufgerufen werden, sie nicht einmal die Benediction über die m*n sprechen können. Was nützt es, wenn sich der Lehrer in der Religionsstunde alle erdenkliche Mühe gibt, die Kinder zur Religion zu erziehen und sobald solche nach Hause kommen, sehen sie gerade das Gegentheil vor sich! Es soll nicht verschwiegen werden, daß gerade in hiesiger Gegend die Lehrer an dieser Lauheit, an diesem Jndifferentismus selbst schuld sind, wenigstens zum Theil, indem solche Religionslehrer alles aus die leichte Schulter nehmen. Ich kann meinen Bericht dahin fassen und offen aussprechen, daß es keine Gegend im ganzen deutschen Reiche gibt, wo die Gesetze unserer Religion so mit den Füßen getreten werden, als gerade im Rhein-Ruhrbecken und vielleicht auch noch in Westphalen. rrj/a w. Ein jeder thut, was ihm in seinen Augen ihm gut dünkt." Einen Rath zur Besserung möchte ich geben. Die Gemeinden Duisburg, Essen, Mühlheim (Ruhr), Ruhrort, Gelsenkirchen, Öberhausen k. stehen alle unter keinem Rabbinat. Wie wäre es, wenn sich die Vorstände der betreffenden Gemeinden einigten und einen energischen, der streng orthodoxen Richtung augehörenden Rabbiner für diesen Sprengel engagieren! Es ist ja möglich, sogar höchst wahrscheinlich, daß dieser Ordnung in den Urwald bringen kann. Denn so viel steht fest, bleiben die Zustände noch länger so, wie sie sind, so ist das Judenthum hier unrettbar verloren. Ein mn» vr*. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Krakau, 6. April. Es gereicht uns zur Freude, heute mittheilen zu können, daß die Hinweise unserer jüngsten Correspondenz nicht ohne Würdigung geblieben sind. Gelegentlich der am 1. April stattgehabten Alliance-Sitzung ist endgiltig beschlossen worden, die Rapaport'sche Gewerbeschule in's Lebens treten zu lassen und die jährlichen Er-