Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 30-31 (15.4.1889)
- Date
- 1889-04-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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551 I Schuld und Süyne. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Der Graf war einverstanden; doch zog er einen Spaziergang in dem nahen Forst dem projektirten Ritte vor, und Arm in Arm schritten sie dahin zwischen den hohen schattigen Bäumen, in trauliche Unterhaltung vertieft. „Sehen Sie dort am Saum des Waldes jenes freundliche, rebenumrankte Haus? Das ist die Schankwirthschaft,. die Heimstätte jenes armen Mädchens — „Haben Sie über die Verhaftung ihrer Eltern nichts Näheres erfahren?" „Näheres allerdings, aber höchst, höchst Trauriges. Ich kann cs nicht glauben. Fünfzehn Jahre habe ich mit dem Löwenstein zu thun, und habe ihn stets als den zuverlässigsten, redlichsten Menschen gefunden, von dem ich noch heute mit vollstem Vertrauen mein ganzes Vermögen verwalten lasten würde. Der Mann ist kein Schmuggler." „Aber wenn ich nicht irre, erzählte Ihr Kutscher, daß man geschmuggelte Maaren bei ihm versteckt gefunden." „Trotzdem .halte ich mich überzeugt, daß er unschuldig ist. Ein Mann, wie Löwenstein, betrügt auch den Staat nicht um einen Kopeken." „Aber wie wollen Sie das Vorhandensein und zwar das versteckte Vorhandensein der geschmuggelten Maaren erklären?" „Das weiß ich nicht. Vielleicht ist hier ein Schurkenstreich im Spiel, vielleicht auch nur ein unglückseliger Jrrthum. Was ich aber mit vollster Bestimmtheit weiß, ist, daß der Löwenstein keines Verbrechens fähig ist." „Sie haben ein seltenes Vertrauen zu der Rechtlichkeit dieses Mannes." „Wundert Sie das? Wenn man einen Menschen fünfzehn Jahre kennt als treu, zuverlässig, als in jeder Beziehung hochachtbar? — oder theilen Sie vielleicht die Ansicht meines Verwalters, der mir heute mindestens zehnmal vordemonstrirt hat, daß die Juden noch so treu und redlich sich zeigen könnten, sobald sich ihnen Gelegenheit bietet, die Christen zu betrügen, wären sie sämmtlich Betrüger?" „Nein", entgegnete der Graf lächelnd, „diese Ansicht theile ich nicht, denn ich selbst kenne eine große Anzahl hochachtbarer Israeliten. Ueberdieß bin ich in Achtung vor den Israeliten erzogen. Wenn Sie mich einmal in meinem Schloß bei I... w besuchen, werden Sie über den Portraits meiner Großeltern das lebensgroße Bild eines alten Juden in der Tracht des vorigen Jahrhundert hängen sehen." „Wirklich?" fragte der Major erstaunt, „das muß wohl eine ganz eigenthümliche Veranlassung haben. Das Bild eines alten Juden über den Portraits Ihrer Großeltern! —" „Allerdings, ohne ganz besondere Veranlassung wäre eine derartige Zusammenstellung undenkbar. Wenn Sie wollen, erzähle ich Ihnen die Geschichte. Ich habe sie aus dcnl Munde meines Großvaters vielleicht hundert Mal gehört und ich glaube, ich könnte sie noch heute mit denselben Worten und mit all' den dazu gehörigen Daten wiedergeben, mit denen er sie zu erzählen pflegte." Orlostski, theils aus wirklichem Interesse, theils um die unangenehmen, sich ihm anfdrängenden Gedanken zu verscheuchen, bat um Mittheilung des seltsamen Ereignisses. X. „Wie Sie wissen — oder vielleicht auch nicht wissen, war meine selige Mutter eine gcborne Krieg- Hausen. Die Grafen von Krieghausen haben bedeutenden Grundbesitz in Norddeulschland, namentlich in Ostfriesland. Die Hauptstadt von Ostfriesland, so pflegte mein Großvater seine Erzählung regelmäßig zu beginnen, ist die alte Handelsstadt E .... E.... liegt am Dollart, einem Meerbusen der Nordsee, der in den Jahren 1277—1278 durch einen Durchbruch der Deiche und durch Ueberschwemmungen aus einem blühenden Landstriche entstanden sein soll, auf dem sich vormals fünfzig kleinere und größere Ortschaften befunden haben. Nach dem Tilsiter Frieden kam die ganze Provinz durch Napoleon an das Königreich Holland und ward mit diesem 1810 Frankreich einverleibt. 1813 nahm Preußen das Land wieder in Besitz und überließ es 1815 ans dem Congresse zu Wien an Hannover. E.... ist wie geschaffen zu einer bedeutenden Handelsstadt, Kanäle durchziehen die Straßen nach allen Richtungen hin, so daß ehedem selbst größere Kauffahrteischiffe fast unmittelbar vor den Magazinen der reichen Handelsherren landen konnten. Die