Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 30-31 (15.4.1889)
- Date
- 1889-04-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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547 Zeitungsnachrichten und Corresponde nzen. Oefterr. - Ungar. Monarchie. Wien, 8. April. Der „Boh." meldet man: In verschiedenen Kreisen der Residenz ist man ernsthaft geneigt, gegen die antisemitischen Verhetzungen entschieden Stellung zu nehmen. Vor Kurzem hat die israelitische Kultusgemeinde einen offiziellen Schritt in dieser Angelegenheit gethan und eine Deputation an den Grafen Taaffe entsendet, welche Maßnahmen gegen die antisemitischen Ausschreitungen verlangte. Ueber die Unterredung zwischen Taaffe und der Deputation wurde Stillschweigen verabredet. Auch unter hervorragenden christlichen Industriellen und Geschäftsleuten der inneren Stadt ist eine Agitation im Zuge, bei der Regierung Vorstellungen zu erheben und zu betonen, daß bei der Fortdauer der antisemitischen Strömung zahlreiche Wiener Firmen dem Ruine entgegengehen, weil die angesehensten Familien des Judenthums sich von der Oeffentlichkeit vollständig zurückziehen und ihren Ausgabe- Etat auf das Nothwendigste beschränken. Die Gründung eines jüdischen Vereines „Union" zur Abwehr des Antisemitismus ist bevorstehend, zahlreiche Beitrittserklärungen sind bereits erfolgt. Wien, 9. April. In der gestrigen Sitzung der Finanzsection beantragte Gemeinderath Altenberger, wie alljährlich, die Verleihung einer Subvention von 200 fl. an die israelitische Kinderbewahranstalt. Er verwies daraus, daß mit derselben auch ein Cursus für die Ausbildung von Kindergärtnerinnen und Bonnen verbunden sei, an welchem seit dessen Bestehen 520 Frauen und Mädchen, und zwar ungefähr 370 Israelitinnen und 150 Katholikinnen ausgebildet wurden. Gemeinderath Häusler fand es beklagenswert, daß an einem solchen Institute, in welchem eine „Judenmoral" gelehrt werde, auch Christinnen herangebildet werden; dies müsse entsittlichend wirken. Dr. Stern bemerkte, daß er es unter seiner Würde finde, dem Herrn Häufler zu erwidern, er wolle nur erwähnen, daß das von diesem Herrn so verlästerte Institut unter der Patronanz der Kaiserin stehe, daß es, vor 45 Jahren gegründet, in der österreichisch-ungarischen Monarchie das erste derartige Institut sei, dem alle anderen jüdischen und christlichen Kinderbewahr- Anstalten nachgebildet wurden, und daß unter anderen Anerkennungen und Auszeichnungen desselben seinem Direktor Herrn Fischer vor einem Jahre vom Gemeinderathe die goldene Salvator-Medaille verliehen wurde. Pesth. Der Budapester israelitische Handwerker- und Arbeiterverein hielt heute unter Vorsitz des Präsidenten Dr. Armin Schönberg seine Jahresversammlung. Der Direktionsbericht hebt hervor, daß der Verein im verflossenen Jahre in vielen Beziehungen eine gesteigerte Thätigkeit entwickelt habe, allein in Folge der beschränkten Mittel zahlreiche unterstützungsbedürftige Kinder abweisen mußte. Für Vereinszwecke wurden fl. 7491.56 verwendet, von welchem Betrage 275 Handwerker-Zöglinge Kleider und sonstige Unterstützungen, sowie 22 Zöglinge der Kunstgewerbeschule Stipendien erhielten. Das Vermögen des Vereins beträgt fl. 44,437,01, die Zahl der Unterstützungs-Mitglieder 576. Siebenbürgen (K. Szeplak), 4. April 1889. Mit Freude ersah ich aus Ihrem geehrten Blatte, daß Sie meiner Mittheilung vom 18. März in demselben ein Plätzchen gegönnt haben. Gestatten Sie mir Herr Redakteur, daher auch, nachdem mein sehr geehrter Herr Schwager L. Landesberg, gegenwärtig Oberrabbiner in Szeghabom (Ungarn) tat „Israelit" Nr. 2 v. I. en miniature das geistige Leben der jüd. Gemeinden im Szeklerlande mit einigen Federstrichen gezeichnet hat, einen kleinen Ueberblick über die Verhältnisse der hervorragenden jüdischen Gemeinden auf dem Königsboden in Siebenbürgen zu werfen. Bekanntlich wird der Königsboden von mehr als 200 000 Deutschen, die von den Ungaren „Sachsen" genannt werden — bewohnt, die im Jahre 1141—1161, wo Siebenbürgen noch eine Wildniß war, von König Geisa II., der eine deutsche Prinzessin zur Frau hatte, berufen wurden, das Land urbar zu machen und gegen die häufigen Einfälle wilder Völker zu schützen. Im Osten die Szekler, in Südwest die noch rohen unkultivirten Walachen, oder Rumänen, wie sie sich gern nennen, erhebt sich der Königsboden gleich einer Oase in der Wüste. Nicht nur in ihren kommerziellen und industriellen Unternehmungen in Bezug auf Handel und Gewerbe, stehen sie höher im Vergleiche mit ihren halbwilden Nachbaren, auch in Bezug der Liberalität und Toleranz vis-a-vis der Juden standen schon die Sachsen im vorigen Jahrhundert auf dem Niveau der gebildeten Völker. In Folge eines harten ung. Landesgesetzes, daß die Juden in keinen Städten wohnen dürsten, wurde auch bei ihnen der Zutritt zu diesen gewehrt, aber in den sächsischen Dörfern und größeren Gemeinden wurden sie freundlich und liebevoll ausgenommen und wurde ihnen auch der Geschästsausenthalt in den