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Der Israelit · 1889-04-15 · Heft 30-31 (15.4.1889) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 30-31 (15.4.1889)
Date
1889-04-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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546 der dem Erdboden entwachsenen Pflanze vergleicht, in erhabener Weise gedeutet. — Als Josua die erste Stadt des heiligen Landes, Jericho, erobert hatte, da ließ er die Stadt verbrennen und sprach einen Fluch aus über denjenigen, welcher es wagen würde, sie wieder aufzubauen. „Mit seinem Erstgeborenen wird er den Grundstein legen und mit seinem Jüngsten wird er die Thore einsetzen", das heißt: alle Kinder werden ihm sterben. Und es war zu den Zeiten des gottlosen Königs Achab, da fetzte sich ein vornehmer Mann Namens Chiel über „das alte Vorurtheil" hinweg und baute Jericho wieder auf. Aber der Fluch Josuas erfüllte sich an ihm; mit seinem Aeltesten legte er den Grundstein, und mit seinem Jüngsten setzte er die Thore ein (i. B. d. K., Cap. 16, V. 34). Der König und die Vornehmen des Reichs besuchten den unglücklichen Vater, um ihn zu trösten. Bei dieser Gelegenheit sprach König Achab: „Sonderbar, der Fluch des Schülers (Josua) ist in Erfüllung gegangen, nicht aber der Fluch des Lehrers. Moscheh hat verheißen, daß, wenn Israel Götzen dient, Gott die Himmel verschließen werde, daß der Regen nicht herniederströme und die Erde nicht geben wird ihren Ertrag; Hetzt dient Israel dem Baal und anderen Göttern, und es regnet zur rechten Zeit, und das Land ist fruchtbarer denn jemals." — Da trat der Prophet Elijahu vor den König und sprach: „So wahr der Ewige lebt, der Gott Israels, vor dem ich gestanden — nicht wird sein in den kommenden Jahren Thau und Regen, es sei denn aus mein Wort!" — Und Gott erfüllte das Wort des Propheten, und eine entsetzliche Hungersnoth kam über das Land Israel (1. B. d. K., Cap. 17). — In Bezug hierauf ist zu bemerken, daß es ja wiederum des Schülers (Elijahu) bedurfte, um das Wort des Lehrers (Moscheh) in Erfüllung zu bringen. Aus diesem Grunde gibt Rabbi Jonathan den Worten der heiligen Schrift (5. B. M., Cap. 11, V. 16 und 17) eine andere Deutung. „Hütet euch, daß nicht euer Herz bethört werde, und ihr abweichet und fremden Göttern dienet und euch vor ihnen bücket, und über euch der Zorn des Ewigen erglühe, daß Er verschließe den Himmel, daß kein Regen sei, und der Erdboden nicht gebe sein Gewächs und ihr bald umkommen werdet, weg aus dem guten Lande, das der Ewige euch gibt." — Der vom Himmel herniederströmende Regen, von welchem hier die Rede ist — so meint Rabbi Jonathan Eibeschütz — ist die denGeist befrucht ende Erkenn tn i ß, mit der Gott Seine Frommen begnadigt. So beten wir auch dreimal täglich: „Begnadige uns von Dir mit Erkenntniß, Verstand und Vernunft." Das ist der Geist Gottes, welcher hermederströmt auf diejenigen, die in Seiner Lehre forschen und Seine Gebote zu beobachten sich bemühen. Wie der Regen die Erde befruchtet, so daß die Pflanzen hervorsprießen, so läßt der Geist Gottes die Geister der Menschen sich entwickeln und gedeihlich entfalten. Wenn aber Israel sich abwendet von seinem Vater im Himmel, Götzen dient von Holz und Stein, seine ewige Wahrheit hingibt für eitel Tand und Nichtigkeit, dann strömt jener himmlische Regen nicht hernieder, und das Volk wird immer unfähiger, die höchsten Wahrheiten zu erkennen, „und der Erdboden wird nicht geben sein Gewächs", und Israel wird seinen Beruf verfehlen und in der Verbannung bitterer Leidenszeit erst den Weg wieder suchen müssen zu seinem Vater im Himmel. — Das ist nach Rabbi Jonathans Meinung der eigentliche Sinn jener Verheißung, die wir im Kriath Schema täglich zweimal aussprechen. König Achab aber nahm sie im Wortsinne; ihm trat der Prophet Elijahu gegenüber und sprach: Auch nach deiner Auffassung wird sich nunmehr die Verheißung unseres Lehrers Moscheh bewähren. Die Pflanze, die dem Erdboden entwächst, vom himmlischen Regen getränkt und genährt, das ist Israel. Dieser Vergleich kehrt in der schriftlichen und mündlichen Lehre häufig wieder. Nach dem heiligen Soharbuche steht im Paradiese der Baum des Lebens, dessen zwölf mächtige Aeste sich über die ganze Erde ausbreiten. Dieser Baum ist Israel; das Paradies, in welchem er wurzelt und aus dem er hervorwächst, das ist die heilige Thora, und die zwölf Aeste find die gotterkorenen Stämme Israels. Jeder gottesfürchtige Jude, jede gottesfürchtige Jüdin ist ein Reislein dieses wunderherrlichen Baumes; aber nur solange als cs getränkt wird von dem himmlischen Regen, dem Geiste, den Gott über uns ausgießt — solange es seine Nahrung zieht aus dem heiligen Boden unserer großen Vergangenheit. Wehe dem Zweiglein, das sich abwendet von den unerläßlichen Bedingungen seines Lebens: es verdorrt und fällt ab und wird vom Winde verweht. Sorget dafür, ihr Eltern und Erzieher, daß die eurer Obhut anvertrautcn zarten Reislein zu starken Aesten werden, daß sie nicht verlieren ihre Zusammengehörigkeit mit dem Baume des Lebens.*) *)Wir schließen hiermit die vierte Serie, um unter göttlichem Beistände diese Betrachtungen im nächsten Jahre fortzusetzen.

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