Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 29 (11.4.1889)
- Date
- 1889-04-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447947-2447977--28354-2476033- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Durch die Fürsorge des Czaren erhalten wir jetzt fahrende Schulen. Da es im westlichen Turkestan, so in den Städten Askababad, Gerk-Tepe, Merw rc., zumal in den Dörfern daselbst, keine russischen Schulen gibt, so verkehrt jetzt auf der Transkaspibahn von Zeit zu Zeit ein besonderer Waggon, der in eine Schule umgewandelt ist und von einem oder zwei Lehrern bewohnt wird. Der Waggon wird bald in dieser, bald in jener Station abgekoppelt, worauf die Dorfkinder denselben besteigen, um hier einen mehrstündigen Unterricht, zumal in der russischen Sprache und Orthographie, zu genießen. Nach kurzem Aufenthalte wird dann der Waggon an einen der verkehrenden Züge angeschlossen, um nach einer andern Station gebracht zu werden. Diese Schulwaggons werden nächstens auch unser Khanat zu besuchen beginnen, um auch hier in den verschiedenen Stationen Unterricht zu ertheilen. Hier in Bokhara, wo es eine kleine russische Kolonie gibt, die sich aber keine eigene Schule errichten kann, wird dieser Schulwaggon mit Sehnsucht erwartet. Auch den Juden hier wird es so möglich sein, ihren Kindern Unterricht in der russischen Sprache ertheilen zu lassen. Kürzlich hat der österreichische Orientreisende, Dr. Troll aus Wien, unsere Stadt passirt, um dann über Samarkand und Khokand nach der chinesischen Stadt Kaschgar zu gehen. Viele reiche Juden hier luden den Reisenden zu einem Besuche in ihren Häusern ein, wo sie ihn aufs gastfreundlichste empfingen und bewirtheten. Dieselben theilten ihm zu seiner Ueberraschung mit, daß sie sich täglich den Rubelcurs aus Petersburg telegraphiren lassen. Aber auch sonstige wichtige Ereignisse in Europa meldet der Telegraph jetzt in Kürze hierher. Nebst der russischen fangen die Juden hier jetzt an, auch fleißig die französische Sprache zu erlernen, da sie wissen, daß dies die verbreitetste und gangbarste Sprache in Europa ist. Als Baron Edmund von Rothschild und seine Gemahlin jüngsthin hier weilten, konnten sie sich eines jüdischen Dolmetschers bedienen. Wie es allgemein heißt, will der Baron hier oder in Samarkand eine große Tuch- oder Leinwandfabrik errichten, in der voraussichtlich auch einige arme Juden Beschäftigung finden werden. Seit der Eröffnung der Transkaspibahn hat die Einwanderung russischer Juden hierher bedeutend zugenommen und da viele derselben der fortschrittlichen Richtung huldigen, so suchen sie auch unter den hiesigen Juden Anhänger für ihre Ideen zu gewinnen. Mit diesen reformatorischen Bestrebungen ist jedoch unser Oberrabbiner, Rabbi Cha- ' jim Hakohen, nicht einverstanden und hat er schon mehrmals seine Stimme erhoben, um vor diesen Eindringlingen und ihre Lehren zu warnen. Ein hiesiger jüdischer Kaufmann, Jachja Baba, hat sich kürzlich in Gcschäftsangelegenheiten nach Wien begeben, in welcher Stadt er übrigens schon 1883 geweilt hat. Damals existirte aber noch keine Eisenbahn in Bokhara, und die Fahrt von hier nach Wien, die über Orenburg ging, dauerte einige Wochen. Heute reisen wir schneller und bequemer nach Europa. Feuilleton. Zur Geschichte der Juden in Gesterreich (Fortsetzung.) Wolf hebt in seinem Werke hervor, daß sich die katholische Bevölkerung Oesterreichs um das Toleranzpatent Kaiser Josefs für die Juden gar nicht kümmerte, während das für die Protestanten große Unzufriedenheit erregte und in manchen Orten zu Excessen führte. Er erklärt dies, meines Erachtens, sehr richtig mit der Furcht vor Konkurrenz. „Die Juden", sagte er, „standen im Allgemeinen zur Zeit Josefs II. abseits von der allgemeinen Bevölkerung, es war nicht zu befürchten, daß sie sofort Aerzte, Advokaten, Handwerker oder Künstler werden könnten. Es war auch nicht zu besorgen, daß sie der katholischen Kirche irgend wie Eintrag thun oder den Geistlichen Schaden zufügen werden, da die Juden sich stets chom Proselytenmachen fern hielten. Anders war dies in Betreff der Protestanten. Da trat die Konkurrenz sofort ein und die Macht der katholischen Kirche sowie der Geistlichen wurde thatsächlich beschränkt." So konnte sich vor einem Jahrhundert ein dem Antisemitismus ähnlicher Antiprotestäntismus äußern, der sich erst im Laufe der Zeit verlor. In der Stelle der Protestanten rückten aber seitdem die Juden ein, sie wollten von der ihnen geschenkten Freiheit Gebrauch machen und da sie in Cisleithanien zahlreicher sind als jene (mehr als 800,000 gegen 400,000), so machte sich die Konkurrenz um so schärfer fühlbar. Mancher, der „im Prinzip" nichts gegen die Judenemancipation hatte, ward intolerant, wenn er sah, wie ein Jude ein Amt oder eine Professur erhielt, worauf er sich Hoffnung gemacht hatte. Den Protestanten kam außerdem zu gute, daß sie auf die Gleichberechtigung Hinweisen konnten, deren sich die Katholiken in manchen protestantischen Staaten zu erfreuen hatten, und daß hin und wieder fremde Mächte sich