Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 29 (11.4.1889)
- Date
- 1889-04-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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529 Zeitungsnachrichten «nd Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 5. Bpril. Die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" des Herrn Rabb. Dr. Philippson bringt einen Aufsatz über „Die Minderheit", welcher in erster Reihe die Stellung Israels unter den Völkern beleuchtet, die Resultate der Betrachtung aber auch für alle Minderheiten gelten läßt. Die Ausführungen des Reformblattes find so treffend, daß wir es uns nicht versagen können, sie theilweise zu Nutzen und Frommen der gesetzestreuen Minorität unserer Glaubensgenossen hier zum nochmaligen Abdruck zu bringen. Es heißt daselbst: «Tief aus dem Leben und dem Menschenherzen ruft die h. Schrift uns zu (2 Mos. 23, 2): „Folge nicht der Menge zum Bösen; zeuge nicht in einer Rechtssache, indem du dich der Menge nachneigest, das Recht beugend.' Das h. Wort proclamirt mit diesen Sätzen Zweifaches, zuerst, daß die Erkenntniß des Rechtes nicht immer in der Mehrheit vorhanden ist, vielmehr oft in der Minderheit, ja in einem Individuum, und zweitens, daß wir in allen Fällen, auch der Mehrheit gegenüber, streng nach unserem Gewissen bei dem beharren müssen, was wir als recht und wahr erkannt haben. Was hier von einer Rechtssache gesagt worden, gilt aber von Allem, was unsere Ueberzeugung, unsere Anschauung und Gesinnung betrifft. Tritt die Frage an uns heran, so dürfen wir uns durch nichts wankend machen lassen, sondern mit Festigkeit unsere Ansicht und Ueberzeugung bekennen und vertreten. Allerdings ist jeder Mensch dem, Jrrthum unterworfen, und deßhalb sind wir verpflichtet, gerade wenn unsere Meinung von der Anderer, vielleicht von der allgemein herrschenden abweicht, den Gegenstand oder die Angelegenheit um so sorgfältiger zu prüfen und die Gründe für das eine oder das andere Urtheil genau zu untersuchen und abzumessen. Wir müssen auch nachgeben können, wo uns die von uns bis zetzt gepflogene Ansicht schwach und zweifelhaft erscheint. Sind wir aber zu einer vollen Ueberzeugung gelangt, steht die Sache für uns zweifellos fest, dann muffen wir sie mit Treue und Hingebung aufrecht erhalten und uns nicht beirren lassen, wenn Tausende der entgegengesetzten Meinung huldigen. Wenn also das Recht und die Pflicht der Minderheit, für ihren Beistand einzutreten und zu sorgen, erwiesen ist, so fragt es sich, welche sind die Forderungen, die sich an dieselbe, um dem zu genügen, stellen? Sie sind: Ueberzeugung, Muth und Ausdauer. Das Wesen der Minderheit, wie auch ihre ganze Daseinsbedingung, besteht in der klar erkannten Ueberzeugung, in der Erkenntniß, in der Lehre, in dem Gedanken, der sie ins Leben gerufen und dessen Verkündigung und mögliche Verwirklichung ihre Aufgabe ist. Ohne Ueberzeugung keine Minderheit. Von ihr mutz die Gesammtheit derselben erfüllt, von ihr jeder Einzelne durchdrungen sein. Sie muß dies für ihre Mission erachten, die sie für sich und für die ganze Menschheit zu tragen und auszuführen habe; sie muß diese Mission als eine Nothwendigkeit von Innen heraus nach Außen hin ansehen. Kein Zweifel, kein Schwanken, keine Lauheit und Gleichgiltigkeit. Allerdings dienen einer seit langen Zeiten bestehenden Minorität noch andere Factoren: Abstammung, Gleichheit der Geschicke, Tradition, Familienleben, Pietät. Aber alle diese werden nach und nach hinfällig und von einströmenden feindlichen Elementen zersetzt, wenn nicht die UeberzeizgMg ihnen als eigentliche Stütze, als Halt und Kern einwohnt. Und diese ist es auch, welche der kämpfenden Minderheit den Muth, den freudigen Muth einflößt, die Zuversicht, daß der Wahrheitswerth, den sie inmitten der feindlichen Menge vertritt, doch nicht blos den Bestand der Minderheit sichert, sondern auch zum Siege führt, daß trotz aller Ab- und Gegenwehr diese Erkenntniß sich immer mehr Raum schaffen und zum Allgemeingut machen werde. Die langsame Entwickelung vernünftiger Erkenntniß, die nur sehr allmählich vorschreitende Besiegung von Vorurtheilen und seit lange bestehenden Unrechten darf diese Gewißheit nicht schwankend machen. Je öfter und heftiger der Kampf entbrennt, den die Minderheit zu bestehen hat, desto lebendiger muß dieser Muth in den Herzen der Bekämpften entflammen, und die vielen überwundenen Feinde und feindlichen Angriffe müssen ihn stärken, müssen die Geister stählen. Und da wird denn dieser Muth zur Ausdauer, zur Ausdauer bis zum Märtyrerthum, auch wenn der Himmel mit Wetterwolken sich überzieht, und der Sturm tobt und die Vernichtung droht. Ja, die Ausdauer, die unerschütterliche Beständigkeit in dem gegebenen Widerstreit ist die besonderste Zierde, ist der wahre Ruhm einer Minderheit. Wenn die Zeit wieder ruhiger geworden und die Verhältnisse sich wieder abgeglichen haben, dann wird es stets zur innersten Befriedigung gereichen, auch unter dem heftigsten Sturme fest gestanden und sich nicht gebeugt zu haben." Tragen wir offen und unumwunden die Fahne unserer Religion hoch, und jemehr wir dies thun, desto inniger wird unsere Befriedigung und desto höher die Achtung der Welt vor uns sein! Berlin, 7. April. Als Se. Excellenz, der persische Gesandte am hiesigen Kaiserhofe jüngst in einer Gesellschaft gefragt wurde, warum er denn nicht die von einigen Preßstrolchen gegen seinen Souverain, den Schah, erhobenen Verleumdungen in den Blättern zurückweise, sagte Mirza Riga Khan lächelnd: „Laissez le chien qui aboie!“ auf gut Deutsch: „Ach, lassen Sie doch die Hunde bellen!" Dieses so wahre Wort begleitete mich stets in den letzten Wochen, als ich das Wuthgeheul der internationalen antisemitischen Meute anläßlich des Prozesses B e r n fte i n vernahm. Da aber der fette Bissen, der sich den Zunftgenossen aus dem rituellen Blute entgegenspiegelte, ihnen entgangen war, wurden die Angriffe ob des mißlungenen Planes womöglich noch schärfer, und als wir gar für die „Entdeckung" des „rituellen Mordes" in der jüdischen Literatur eine Million aussetzten, da stieg das Geld den Herren zu Kopfe, und mit einem wahren Heißhunger stürzte sich die publizistische Vertretung der „reinen" Antisemiten auf das Geld, lechzend wie der Hirsch nach dem Wafferquell. Eingedenk jenes Wortes ließ ich die giftigen, gegen mich erhobenen Angriffe der Hetzblätter natürlich unbeantwortet: eine in den letzten Tagen mir zugegangene Nummer der in Dresden erscheinenden raceantisemitischen „Deutschen Wacht" enthält indeß einen so possirlichen Angriff gegen mich Aermsten, daß ich den Heiterkeitsrausch, in den er mich ver-