Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 29 (11.4.1889)
- Date
- 1889-04-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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526 Wellen einher, wie wenn sie das Festland über, fluthen wollten; allein ihre Wuth wird gebrochen durch den Sand am Meere. Das ist ein Bild Israels in seiner Erniedrigung; auch unser Volk wird mit Füßen getreten, und doch sind die Ideen, die wir vertreten, die Schutzwehr der Welt. — Der Staub der Erde braucht nur angefeuchtet zu werden, und es ergibt sich der fruchtbare Boden, aus dem alles emporwächst, was Menschen und Thiere zu ihrer Nahrung gebrauchen. Die Thora wird dem Wasser verglichen, wie es heißt: „Wohlan, ihr Durstigen gehet hin zum Wasser!" Wenn Israel im Geiste und nach den Vorschriften der Thora lebt, so birgt es alles in sich, was der Welt zum Heile gereicht. — Der Prophet Jecheskel gibt uns noch ein anderes Bild. Er vergleicht die Vermehrung Israels dem Sichausbreiten der Pflanzen. Die Pflanze ist ein organisches Wesen, das sich auH sich heraus entwickelt und vermehrt. Seitdem Gott die Welt erschaffen, ist nicht allein kein neuer Stern erstanden, auch der Sand am Ufer des Meeres hat sich um kein Körnchen, auch der Staub der Erde hat sich um kein Stäubchen vermehrt. Die Pflanze aber wächst und vermehrt sich ganz ungemein. Ueberall gedeihen Pflanzen selbst ohne Pflege von Menschenhand. Die Pflanze ist nicht auszurotten. Wenn des Menschen Hand sie vertilgen wollte — der Wind trägt ihre Samen auf seinen Fittigen in die weitesten Fernen, die Vögel des Himmels bringen die unverdaute Saat von einer Himmelsgegend in die andere. Inseln im Weltmeere, die noch keines Menschen Fuß betreten, auf denen keine Thiere hausen, haben stets eine üppige Vegetation. — Als Israel in Mizrajim seine Kindheit verbrachte, da befahl der Tyrann, die männlichen Kinder zu tödlen, um so den Stamm Israels zu vernichten. Aber so wenig, wie man die Pflanzen des Erdreichs zu vertilgen vermag, ebensowenig gelang es, Israel auszurotten. „Zu Myriaden, wie des Feldes Sprößlinge, ließ Ich dich werden." Es gibt kaum ein Volk der Erde, welches nicht seinen Verfolgungskrieg gegen Israel geführt hätte. Eine lange Reihe blutiger Verfolgungen hat ihre Spuren im Buche der Geschichte zurückgelassen. Vernichten hat man uns nicht können, Gott hat uns stets in wunder« barster Weise gerettet. Die Stürme haben uns nicht hinweggefegt, wohl aber über den ganzen Erdboden verbreitet. Als die Nacht des Galuth in Mizrajim zu Ende ging, da war Israel gleichsam zu einer herrlichen Jungfrau erblüht. Schön ist das Dämmerlicht der verschwindenden Nacht und des anbrechenden Morgens. Noch ist der Mond am Himmel sichtbar und das Heer der Sterne; aber schon färbt sich im hellen Lichte der Osten, rosig tritt hervor die Morgenröthe, die Ankunft der Sonne, der Beherrscherin des Tages, verkündend. Und Israel vereinte in sich alle diese Schönheiten, wie Salomo es schildert: „Wer ift's, die da hervorschauet wie der anbrechende Morgen, schön wie der Mond, hell wie die Sonne, furchtbar wie Kriegerschaaren?" Und in Bezug hierauf sagt der Prophet Jecheskel: „Und du nähmest zu und wurdest groß und gingst einher in höchstem Reiz, herrlich an Gestalt, von wunderbarem Haarschmuck umhüllt, aber du wärest nackt und bloß." Und ferner (V. 8): „Und Ich ging an dir vorüber und sah dich, und siehe, deine Zeit war die Zeit der Liebe, und Ich breitete Meines Gewandes Zipfel über dich und bedeckte deine Blöße und Ich schwur dir, und trat in einen Bund mit dir, spricht Gott, der Herr, und du wurdest Mein." Als Israel aus Mizrajim zog, da war es gleichsam nackt und bloß; e6 war noch nicht umkleidet mit dem Mantel der göttlichen Liebe, der es am Berge Sinai umhüllen sollte. Dort erst erhielten wir die große Bestimmung, zu sein ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk. Diese Bestimmung ist der Ruhm unserer Vergangenheit, der Stolz unserer Gegenwart, die Hoffnung unserer Zukunft. Wir haben oben dargelegt, daß die Pflanze unvertilgbar ist; andererseits jedoch bedarf die Pflanze, wenn sie gedeihlich sich entwickeln soll, der sorgfältigsten Pflege. Der Fruchrbaum, der Weinstock, der Rosensiock müssen gezogen und erzoge.n werden, wenn sie ihren Zwecken in Wahrheit entsprechen und nicht verwildern sollen. Sie müssen gestützt, gedüngt, begossen werden; man muß sie vor Ungeziefer schützen, die wilden Triebe rechzeitig entfernen und tausend andere Dinge rhun, damit die Pflanze das leiste, was sie zu leisten vermag. Auch die Kinder Israel bedürfen der sorgfältigsten Erziehung und Pflege, und deßhalb führt die Hagadah diesen Vers aus dem Propheten Jecheskel an, der Israel zur Pflanze vergleicht, damit wir am Sedertische beherzigen, daß die Eltern dem Gärtner gleichen sollen, ohne dessen Schutz und Stütze und Pflege die zarten Pflanzen verkümmern oder verwildern. Sie sind die Zukunft Israels. Erziehet sie so, daß sie der Stolz und die Freude eures Alters werden! (Schluß folgt.)