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Der Israelit · 1889-04-08 · Heft 28 (8.4.1889) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 28 (8.4.1889)
Date
1889-04-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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510 wärest du treu geblieben den Satzungen unserer heiligen Religion, würdest du dich nicht drängen an die nichtjüdische Tafel, würdest du freiwillig verzichten auf Aemter und Berufsarten, welche die Heilighaltung des Sabbats und der Festtage nicht gestatten, würdest du dich darauf beschränken, die altjüdischen Tugenden der Barmherzigkeit, der Wohlthätigkeit und allgemeinen Menschenliebe zu üben, würdest du darin deinen Stolz und deine Freude suchen, statt in eitler Nachahmungssucht den Vergnügungen der Nichtjuden zu fröhnen — alle Pfeile des Neides und des Hasses würden wirkungslos an dir abprallen! Es ist im Allgemeinen der Fehler unseres Zeitalters — nicht nur der Juden — daß die Ansprüche an das Leben ungemein hoch gestellt werden. Daraus erklärt sich eine andere traurige Erscheinung, die seit Jahrhunderten nicht so zu Tage getreten wie in der Gegenwart: die Manie des Selbstmordes. In allen Kreisen der Gesellschaft, in den höchsten wie in den niedrigsten und ebenso in den Mittelklassen, in allen Lebensaltern mehren sich die Selbstmorde in erschreckender Weise. Der Knabe, welcher in der Schule die Strafe fürchtet, der Lehrling, welcher, um seine Genußsucht zu befriedigen, Veruntreuungen begangen, der Jüngling, der seinen Leidenschaften die Gesundheit seines Körpers geopfert, der Kaufmann, welcher, um den Ansprüchen seines opulenten Haushalts zu genügen, sich in gewagte Spekulationen eingelassen, der Offizier und der Beamte, die sich irgend etwas zu Schulden haben kommen lassen, sie alle suchen häufiger denn früher der Strafe, den Schmerzen, der Schande durch Selbstmord zu entgehen. Es ist der Mangel an Religion, welcher die Verbrechen verursacht und später zu so verzweifeltem Entschlüsse treibt. „Siebenmal fällt der Gerechte und steht wieder auf", sagt der weise König. Derjenige, welcher einen festen Halt in seinem Gotte sucht und findet, vermag den Verführungen zur Sünde zu widerstehen. Sollte er jedoch auch fallen, so richtet er sich an seinem Gotte wieder empor. — Wir wollen hier von der allgemeinen Weltlage absehen und nur Dasjenige berühren, was das Judenthum betrifft. Die Erscheinungen, die uns hier entgegentreten, sind tief traurig. Die Jugend wächst meistens heran ohne unsere heilige Religion auch nur einigermaßen kennen zu lernen; so währt es denn nicht lange, daß sie den Gesetzen des Judenthums den Rücken kehrt. Diese Unglücklichen, ohne Halt und ohne Festigkeit, sind allen Gefahren der Verführung und der Verlockung ausgesetzt. Nichts hält sie davon zurück, ihren Leidenschaften zu fröhnen. Die Gesetze der Sittlichkeit werden verlacht, der Sabbat wird zum Werktage, die Speisevorschriften werden ganz und gar vergessen. Was kann aus diesen jungen Leuten werden? Die Betrachtung derartiger Zustände, die täglich größere Ausdehnung zu gewinnen scheinen, wäre geeignet, uns an der Zukunft des Judenthums verzweifeln zu lassen, wenn die Geschichte Israels uns nicht lehrte, daß Gott Sein Volk nicht verkommen läßt. Auch in Miziajim, da Israel eben anfing, sich zu einem Volke zu entwickeln, war eine solche Zeit der allgemeinen Gottvergessenheit. „Und das Land ward ihrer voll — in den Theatern und in den Circushäusern." Die Israeliten, frei und froh und wohlhabend, lebten nur den Vergnügungen. Was unsere Weisen hier unter Theatern und Circushäusern verstehen, sind nicht etwa diese Lokale im Wortsinne; es sind nur Vezeichnnngen für die Vergnügungsorte im Allgemeinen. Das Theater wurde erst viel später von den Griechen erfunden; der Circus kam erst bei den Römern auf. Bei den Egyptern gab es eine Menge Volksfeste anderer Art, und an diesen nahmen die Israeliten hervorragenden Antheil; kein Fest wurde gefeiert, bei welchem sie nicht in großer Anzahl erschienen. So kam es denn, daß sie mit voller Luft sich in die Unreinheit der Egypter versenkten und dem Götzendienste derselben huldigten. Aber die rettende Hand Gottes zog sie empor. Pharao und die Egypter wurden die Werkzeuge in der Hand des Höchsten, um Israel vor dem Untergange zu bewahren. Diese Vorgänge haben sich in der Geschichte Israels unzählige Male wiederholt. Wir aber beten zu Gott, daß Er uns zu Sich zurückführcn möge, jedoch nicht durch Schmerzen und schlimme Erlebnisse. Dessen sollen wir am Sedertische gedenken, sollen uns zu Gemüthe führen, daß nicht unverschuldet die Leiden kommen, sollen uns vornehmen, zurückzukehren zu der alten Gottesfurcht und Gottinnigkeit der Väter, damit wir vor Leiden und Schmerzen bewahrt bleiben; sollen beschließen, unseren Kindern die werthvollsten Gaben des Lebens zu erhalten. Diese sind nicht Geld und Gut, nicht Ehre und Ansehen, nicht Macht und vornehmer Rang, sondern «’n 'i wy miN, die reichhaltigste Schatzkammer, welche die herrlichsten Güter des Lebens in sich birgt, das ist die Gottesfurcht. (Fortsetzung folgt.)

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