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Der Israelit · 1889-04-04 · Heft 27 (4.4.1889) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 27 (4.4.1889)
Date
1889-04-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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4SI Die Nrätenlm«. das Ziel des AMsemiüsmlls. Von I s a a c Hirsch. VI. (Schluß.) Wenn auch Alles, was wir bisher über das Wesen des Antisemitismus geschrieben, so unrichtig und unhaltbar sein sollte, wie wir es für begründet erachten, wenn der Antisemitismus im vollsten Gegensatz zu unserer — wie wir glauben überzeugenden und unanfechtbaren — Darstellung die Gesundheit und Kraft des Staatskörpers zum Ausdruck brächte, wenn er aus sittlichen Beweggründen hervorgegangen und sittliche Ziele verfolgte, wenn er das Wohl des deutschen Reichs förderte, wenn er patriotisch, national und religiös sein sollte, — so würden wir gleichwohl es für eine vermessene Prätension erklären, daß er sich für das Prädikat „christlich" in Anspruch nimmt und dem echten reinen christlichen Bewußtsein zu entstammen vorgibt. Das Christenthum kennt keinen Unterschied der Rasse und Sprache. „Darum gehet hin, und lehret alle Völker", lautet der Auftrag seines Stifters an die Jünger (Matthäus 28, 19), es will „das Reich Gottes" auf Erden verkünden (Markus 1, 15), die „frohe Botschaft", welche es bringen will, soll „in aller Welt" gepredigt werden (Markus 14,9). Es ist mit dieser sich selbst gestellten Aufgabe absolut unvereinbar, irgend einen Menschenstamm als nicht zum Reiche Gottes gehörig von der Kindschast Gottes auszuschließen, in irgend einem Menschen nicht das Ebenbild Gottes zu achten, da somit alle Menschen im Christenthum als Kinder eines Vaters betrachtet werden, so sind alle Menschen Brüder und haben gegenseitig brüderliche Liebe zu bethätigen. Wir glauben christlicher Seils keinem Widerspruch ausgesetzt zu sein, wenn wir in dieser allumfassenden Menschenliebe die ideale christliche Auffassung erkennen und vermeinen, daß innerhalb einer solchen kein Raum und keine Berechtigung für das Wort „Antisemitismus" sein kann, welches einer Abneigung, einer unbrüderlichen Gesinnung gegen einen Theil des Menschengeschlechts Ausdruck verleiht. Wenn wir uns aber hierin auch irren sollten, wenn die Feindschaft, oder eine geminderte freundliche Zuneigung gegen irgendeine Menschenfamilie sich mit der idealen christlichen Anschauung wohl in Einklang bringen ließe, ja wenn das Christenthum geradezu Haß und Verachtung gegen Menschen lehren würde, wie es die Menschenliebe lehrt, so müßte ganz speziell der jüdische Stamm von diesem allgemeinen Haß und dieser allgemeinen Menschenverachtung ausgeschlossen fein. Denn es ist ja in seinem Urkerne von jüdischen Händen in den Kreis der Völker eingeführt worden; sein Stifter und sein erster Prediger und Sendboten waren doch Juden, und so müßten die germanischen, romanischen und slavischen Christen, falls sie in Aufrichtigkeit und Wahrheit in der „frohen Botschaft", die von Juden unter die Heiden, die Ahnen der heutigen germanischen, romanischen und slavischen Christen, verkündet worden ist, das köstliche Gut, die Quelle des Heils verehren, gerade den Juden lieben und achten. Der Name „Jude" müßte als einen Ehrentitel ihnen gelten. Nach christlicher Anschauung, die in den ältesten Bekenntnißschriften des Christenthums doch wohl am reinsten zu erkennen ist, zerfällt die Menschheit in zwei große Gruppen: Juden und Heiden, und das Christenthum erhebt den Anspruch, die jüdischem Boden entsprossene Heileswahrheit den Heiden verkündet und dadurch der heidnischen Nacht des Abendlandes ein Ende bereitet zu haben. Wie man den Namen „Jude" mit Verachtung nennen kann, wie man verächtlich von „Juden und Judengenossen" *) zu reden vermag und dennoch von echt christlicher Gesinnung durchdrungen zu sein zu behaupten wagt, ist durchaus unverständlich. Man möchte vielleicht den Einwand versuchen und erwidern: „Unserm christlichen Bewußtsein ist allerdings Rassen- und Menschenverachtung fremd; wir lieben alle Menschenftämme; insbesondere aber ist uns der israelitische werth und theuer, weil er allerdings der hochbegnadete ist, den Gott erkoren, um aus ihm die größten Wohlthäter der Menschheit erstehen zu lassen. Wenn wir den Juden gram sind, so ist es nur deßhalb, weil gerade sie der christlichen Lehre sich verschlossen halten. Wenn wir sie unterdrücken wollen, so thun wir solches, weil das Judenthum dem christlichen Geiste, der die Grundlage unseres Staatswesens ist, widerspricht, und die Jncompatibilität des Geistes des Judenthums mit den beglückenden Ideen des Christenlhums uns zur Erkenntniß gelangt ist. Der Antisemitismus wendet sich darum nicht gegen die Juden als Raffe, sondern als Nichtchristen, welche als solche wegen ihres jüdischen Bekenntnisses nicht diejenigen Bürgschaften für die gedeihliche Gestaltung des Staatswesens bieten, die nur in dem christlichen Bekennlnifse gefunden werden können. Man muß lediglich aus diesem Grunde und im Interesse des Staatswohls die Juden von jeder autoritativen Stellung ausschließen und auch ihren sonstigen Ein- *) Der Ausdruck: „Juden und Judengenossen" ist Apostelgeschichte 2, 11 entlehnt, wo derselbe jedoch keineswegs im ver« ächtlichen Sinne gebraucht wird.

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