Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 27 (4.4.1889)
- Date
- 1889-04-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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490 Sprache, die Sprache der Hebräer, die heilige Sprache. Auch den Israeliten in der Zerstreuung ist die heilige Sprache ein einigendes Band geblieben in allen Ländern der Erde. Wo auch Juden sich ansiedelten, im schönen, gebildeten Italien, auf der pyrenäischen Halbinsel, in den Gefilden Frankreichs, in den deutschen Gauen, in den russischen Steppen, in den türkischen Provinzen, und nunmehr auch seit länger als einem Jahrhundert auf der andern Hemisphäre, sorgten und sorgen sie dafür, daß ihre Kinder die heilige Sprache der Väter erlernen, die Sprache, in welcher Gott sich uns offenbart hat, die Sprache, in welcher die Stammväter und die Propheten geredet haben, die Sprache, in welcher unsere heiligen Schriften und unsere heiligen Gebete abgefaßt sind. Diese heilige Sprache schließt einen einigendes Band um alle Kinder Israels, die räumlich weit von einander getrennt sind. Zieht ein Jude in die weitesten Fer. nen — die heiligen Laute dieser Sprache erschließen ihm die Herzen, öffnen ihm die Häuser und machen, daß er als Bruder überall willkommen geheißen wird. Diese heilige Sprache verbindet die jüdischen Gelehrten aller Nationen und ermöglicht den gegenseitigen Gedankenaustausch; sie läßt die Hilferufe der Bedrängten in den fernsten Ländern ein geneigtes Ohr finden und ermöglicht es, den Unterdrückten, die tausend Meilen von uns entfernt sind, zu Hilfe zu kommen. Ihre Pflege ist es, die Ans die erhabenen Schätze unserer unvergleichlichen Literatur unversehrt erhalten hat. Sie tönt uns wieder von den Ufern des Jordan, aus den Ebenen zwischen Euphrat und Tigris, vom Rande der afrikanischen Wüste, von den Fluren Italiens, aus dem heißen Spanien, aus dem kalten Rußland. Was vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden von großen Männern gedacht und gelehrt wurde, es ist in seiner Jugendfrische und Schönheit uns erhallen, erleuchtet unfern Verstand und erwärmt unser Herz. Wo gibt es ein Volk auf Erden, welches ähnliche Schätze besäße und sie mit gleicher Hingebung hegt und pflegt! Wohl ist auch andern Nationen die Literatur vergangener Zeiten erhalten worden; aber sie wird nur von den Gelehrten verstanden und genossen. Die hebräische Sprache und Literatur hingegen ist das Gemeingut aller gläubigen Israeliten. Noch ehe das Kind einen Buchstaben lesen lernt, wird es daran gewöhnt, mancherlei Segenssprüche, Gebete und Bekenntnißformeln in der heiligen Sprache zu sprechen. So gewöhnt sich das Ohr des Kindes gleichzeitig an die hebräische Sprache wie an die Muttersprache. Zugleich mit der Muttersprache, oder noch früher, lernt es Hebräisch lesen. Mit vollendetem fünften Jahre wird eS eingeführt in die heiligen Erzählungen der Bibel, lernt es die Schöpfungsgeschichte, die Geschichte der ersten Menschen und der Stammväter kennen. Welch ein Segen daraus für die Bildung des kindlichen Herzens erwächst, ist gar nicht zu beschreiben. Abraham, Jizchak, Jakob, Joseph werden seine Vorbilder; die erhabenen Gestalten von Moscheh, Aharon und Mirjam treten ihm nahe; die Großthaten Josuas, der Richter, Samuels, Davids, die wunderbar herrlichen Psalmen, in der Ursprache gelesen, geben seinem Geiste eine erhabene Richtung, erfüllen sein Herz mit unerschütterlichem Vertrauen, mit unendlicher Liebe zu unserem Vater ini Himmel. Wächst das Kind so vorgebildet heran, dann eröffnet ihm die mündliche Lehre, die ihm erschlossen wird, ein reiches Feld, führt es in alle Gebiete des menschlichen Wissens. Ohne die Pflege der heiligen Sprache ist dieser gesammte Unterricht nicht möglich, nicht denkbar und nur dadurch erlangt der Jude die universelle Bildung des Herzens und des Geistes, die ihn vor allen übrigen Menschen auszeichnet, die ihn befähigt, S Antheil zu nehmen an allem Gutem und Großem, was die Völker der Erde erdacht und erwirkt haben. Es ist ja eine nicht zu verkennende Schwierigkeit, regen Antheil zu nehmen an dem Geistesleben der Nationen und doch nicht in ihnen aufzugehen. Aber, wenn wir uns auch in unserer Kleidung von unfern Mitbürgern im Allgemeinen nicht unterscheiden, so bewahren uns doch die Schaufäden an unfern Gewändern unsere besondere Eigenthümlichkeit, und wenn auch die Rufnamen vielfach nicht mehr von denen der Andern verschieden sind, so haben wir doch die heiligen Namen, mit denen wir zur Thora gerufen und bei jedem speziell jüdischen Anlasse ge> nannt werden. Wie die Sprache, die wir im gewöhnlichen Leben sprechen, uns von den Andern nicht unterscheidet, so auch der Name und die Kleidung. Aber neben der Muttersprache bewahren wir uns das Hebräische, unsere Kleidung zieren die Schaufäden, und der heilige Name jedes Einzelnen darf über den Rufnamen nicht vergessen werden. So sind noch heute unsere Väter in Egypten uns Vorbilder, und die Geschichte des Auszuges aus Mizrajim lehrt uns, die Gefahren des Galuth zu überwinden, indem wir uns im Laufe der Zeiten und an den entlegensten Orten die großen Schätze bewahren, die uns einst wieder emporheben werden auf die Höhen der Erde. (Fortsetzung folgt.)