Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 26 (1.4.1889)
- Date
- 1889-04-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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477 Gott, dir Ruhe gegeben haben wird von allen deinen Feinden ringsum in dem Lande, welches Gott, dein Gott, dir als Erbe zur Besitznahme gibt, sollst du das Andenken Amaleks von unter dem Himmel weglöschen; vergiß dies nicht!" Wer sieht nicht, daß hier das Gedenke des Amalek im innigsten Zusammenhang mit dem Gebote der Rechtlichkeit im Menschenverkehre gefordert ist? „Das Durchdrungensein von der Ueberzeugung, daß wir nur so lange Gott unseren Gott nennen dürfen, als wir ängstlich das kleinste Unrecht gegen seine Menschen auf Erden scheuen, und die daraus hervorgehende fleckenlose Rechtschaffenheit in unserem Verkehr mit Menschen, das war der letzte Zug, den das Gesetz für das Charakterbild des von ihm zu leitenden und nach ihm sich nennende Volk gezeichnet," erläutert Samson Raphael Hirsch in seinem Commentar diese Stelle. „Den geraden Gegensatz zu diesem aus Gerechtigkeit und Liebespflicht gewobenen Charakterbild eines Volkes, das nur in gewissenhafter Pflichttreue seine Macht und seine Zukunft erblicken, und durch dessen Vorgang die ausschließliche Pflichtschuldigung einst der Antheil der Gesammtmenschheit werden soll," heißt es in diesem Commentar weiter, „bildet eine Völkergröße, die, wie Amalek, nur in dem Schwerte ihre Macht und in dem Niedertreten aller nngerüsteten Schwächeren ihre Ruhmesfreude findet. Sic trat bereits bei dem ersten Hineintrcten des Volkes der siegreichen Pflichttreue in die Völkergeschichte (2. B. M. 17, 8—16) diesem feindlich entgegen, und ihr ward gleich bei diesem ersten gegensätzlichen Versuch das einstige Verschwinden aus dem Gedächtniß der Völker verkündet. Die nunmehr mit ihrer Pflichtaufgabe in das Land des Gesetzes zu dessen treuer Erfüllung Einziehenden werden daher hier auf diesen ihren ausgeprägtesten Gegensatz, und zwar zu dauernder Erinnerung nochmals hingewicsen, in den einzelnen Zügen seines Auftretens ihnen dieser Gegensatz zu ihrer Bestimmung zum klarsten Bewußtsein gebracht, und während dort der Kampf gegen Amaleks Völkerprincip bis zu dessen völligen Verschwinden als Inhalt aller völkergeschichtlichen Gotteswaltungen auf Erden verkündet ist — wird hier Israel aufgefordert, sich als mitwirkcndcs Werkzeug für diesen Gotteskampf gegen Anialek zu begeistern und zu bewähren, aus dessen die Menschen irreführenden, mit seinem Glanze blendenden Ruhmeslorbeer das letzte Blatt eben dann fallen werde, wenn nicht vor einem stärkeren Schwerte sein Schwert, wenn vor einer nur auf Pflichttreue gegen Gottes Sittengesetz aufgeblüht stehender, nur von Gott getragenen Macht Amaleks Schwert zusammenbricht." Aus diesem „Gedenke, was Amalek dir gethan", das die antisemitische Geradheit und Biederkeit geradezu unterschlägt, konstruirt sie sich zur Erregung von Haß und Feindschaft gegen die Juden ihr „Gedenke was Amalek, d. h. die Christen, dir gethan," und bezeugt damit auf das Unzweideutigste, daß dem Antisemitismus, selbst da, wo er von Religion spricht und Bibelstellen anführt, absolut einer jeden religiösen Empfindung bar ist und nicht einmal unter dem Einflüsse eines religiösen Wahns handelt. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Kesselbach, (Oberhessen) 24. März. Während in früheren Zeiten die jüdischen Familien aus dem Lande häufig in Zank und Streit lebten und nicht zusammen verkehrten, freue ich mich, Ihnen von hier gerade das Gegentheil zu berichten, ein Beweis, daß Fortschritt und Bildung sich immer mehr ausdehnen. Es wohnen hier nur 7 Familien, die alle einig sind und wie zu einer Familie gehörig sich gegenseitig zu Gefallen zu leben suchen, wie es nicht schöner gewünscht werden kann. Neben diesem Sinn für Geselligkeit ist aber auch der für Wohlthätigkeit ein sehr ausgeprägter; so haben sich die hiesigen Frauen zusammengefundcn und eine Frauen-Chebra gegründet, deren Thätigkeit darin bestehen soll, den Armen bei Krankheit und Trauersällen hilfreich beizustehen; da aber Kcßelbach, gottlob, keine Familie hat, die davon Gebrauch macken wird, so ist das Augenmerk auf die nächste Umgebung gerichtet; Kessclbach gehört mit noch zwei Dörfern zur Synagoge Londorf; in letzterem Orte ist leider bis jetzt noch nicht eine Frau dem Vereine beigetreten, ja der dortige Synagogenvorstand wollte sogar der Chebra Schwierigkeiten bereiten, indem er das anfangs erlaubte Geloben in dieselbe beim Aufruf zur Thora später wieder verbot; man wollte in Anbetracht der wenigen Mitglieder die Mittel der Chebra auf diese Weise vergrößern. Doch der hies. Wohlthätigkeitssinn ruhte nicht und so ist es ihm Dank der Intervention des Herrn Rabb. Dr. Levi zu Gießen gelungen, daß Großherzogl. Kreisamt*) *) Ist das die gerühmte Einigkeit, Bildung, Fortschritt, daß man die Behörde mit solchen Dingen belästigt? Es ist in vielen Gemeinden wohlbegründeter Gebrauch, daß nur sür bestimmte» nothwendige Zwecke beim Aufruf zur Thora Spenden gelobt werden dürfen und wird der Gemeinde-Vorstand von Londorf wohl seine guten Gründe gehabt haben. Red.