Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 26 (1.4.1889)
- Date
- 1889-04-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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476 gelten den Juderxnoch immer so diel wie einstmals die Kananiten". Der Beweis für diese Behauptungen wird folgendermaßen geführt. Der „Börsen-Courier", eine zu Berlin erscheinende, wie uns versichert wird — wir selbst haben keine Gelegenheit genommen, das Blatt näher kennen zu lernen — vorwiegend kommerziellen Interessen dienende Zeitung, hat einen Leitartikel unter der Ueberschrift „Gedenke, was dir Amalek gethan hat", gebracht, der uns nicht bekannt ist. Wir wissen nicht, ob die Angabe der „N. Pr. Ztg.", richtig ist, daß dieser Artikel aus Aerger über die einem Berliner Industriellen kürzlich zu Theil gewordene königliche Auszeichnung geschrieben sei. Angenommen, es wäre dem also, so würde hier aus der Thatsache, daß der „Börsen- Curier" sich über den Herrn Rudolph Hertzog verliehenen Orden geärgert und einen Artikel unter dem Titel „Gedenke, was dir Amalek gethan hat", bewiesen werden sollen: 1) daß das Judenthum heute bedeutender ist, als zur Zeit Mosis, 2) daß Rothschild der moderne Moses ist, und 3) daß den Juden die Christen noch immer so viel wie einstmals die Kananiten gelten!! Das verstehe, wer da kann; wir bekennen unsere Unfähigkeit, den Zusammenhang zwischen dem Beweismittel und dem zu Erweisenden zu begreifen. Das hat übrigens für den uns hier beschäftigenden Gegenstand gar keine Bedeutung. Wir wollen ja nur Nachweisen, daß der Antisemitismus, wie er in der Gegenwart auftritt, einen moralischen Defect darstellt, welcher nicht von einer religiösen Wahnvorstellung erzeugt ist. Man könnte nun meinen, weil dieser sogenannte Beweis durch den „Börsen-Curier" mit Bibelstellen verbrämt ist, so wäre damit die religiöse Quelle des Antisemitismus erschlossen. Es heißt nämlich nach Anführung der vorhererwähnten Thesen: „Beweis: der Börsen-Curier." Er zieht das Schlachtwort: „gegen Amalek" aus den Reihen seiner Volksgeschichte wieder hervor und nun folgt der Hinweis auf 2. B. Moses 17, 14—16, I. B. Samuel 15, 2 und 3. Die Bibelstelle 5. B. Moses 25, 17 bis 19 wird in bemerkenswerther Weise nicht mit angeführt, obgleich gerade hier der Satz: „Gedenke dessen, was dir Amalek gethan, auf der Wanderung, als ihr aus Mizrajim zöget" enthalten ist. Daß dem bibelfesten Organ des christlich-sozialen Antisemitismus diese Stelle nicht bekannt sein sollte, ist als ein seiner unwürdiger Zweifel nicht anzurechnen. Wer das zweite Buch Mosis und das erste Buch Samuel im Kopfe hat, dem ist auch das fünfte Buch Mosis nicht aus dem Gedächtniß entschwun- > den. Aus welchem Grunde aber wird es nicht ebenfalls in der wörtlichen Ausführung?fwie^die beiden anderen Bibelstellen angeführt, zumal gerade hier und nicht an den mitgetheiltenZOrten,Kienes so bewunderungsvolle „Gedenke dessen was Amalek dir gethan", zu finden ist? Weil derAautisemitische Spiritus gerade dieses „Gedenke, was dir Amalek gethan" zu einem ganz besonderen Zwecke zu benutzen die edle Absicht hat.UDieIWelt soll nämlich mit einer funkelnagelneuen Exegese zur größeren Ehre und zum ersprießlichen^Nutzeu^ des Heiligen Antisemitismus überrascht werden. ^„Gedenke, was Amalek", d. h. „was die Christen dir gethan", so lautet die antisemitische Interpretation, und um eine solche zu geben, darf bei Leibe Erficht dem nicht so bibelfesten Leser gesagt werden, daß es sich hier um eine Umdeutung des Gottesworts handelt. Da faselt man erst in u8um Delphini von der providentiellen Bestimmung des alttestamentarischen Volkes Gottes, dessen Sturz von.'-dem."hohen Postament und seiner heutigen Ausartung in das Gegentheil seines hohen religiösen Berufs, um nach dieser recht religiös klingenden Einleitung jene Thesen aufzustellen, deren Begründung dann derMörsen- Curier mit seinem Artikel „Gedenke, was dir Amalek gethan", liefern soll. Dieses „Gedenke, was dir Amalek gethan",K muß deshalb als ein heute erst von der „jüdischen Redaktion" conftruirter Satz ausgegeben werden. Wenn man nämlich fromm sein will, kann man doch nicht eoram xoxulo dem Gotteswort Gewalt anthun. Die Bibelstelle 5. Buch Mosis 25, 17—19 muß darum runterschlagen werden. Dieses „Gedenke, was dir Amalek gethan", schließt sich in der heiligen Schrift der göttlichen Gesetzgebung über die Rechtschaffenheit im Verkehr an. Es heißt (5. B. M. 25, 13—16): „Du sollst nicht in deiner Tasche haben zweierlei Gewichtsteine, einen großen und einen kleinen; du sollst nicht in deinem Hause haben zweierlei Maß, ein großes und ein kleines; vollkommene Gewichtsteine und gerecht sollst du haben; vollkommenes Maß und gerecht sollst du haben, darob werden deine Tage lange dauern auf dem Boden, den Gott, dein Gott, dir gibt — denn ein Abscheu Gottes, deines Gottes, ist Jeder, der solche Dinge thut, Jeder, der Unrecht thut." Und nun folgt Vers 17: „Gedenke dessen, was dir Amalek gethan, auf der Wanderung, als ihr aus Mizrajim zöget, wie er dich anfiel auf der Wanderung und Nachzügler von dir metzelte, alle die nur schwer dir folgten, während du matt und abgemüht warst, und fürchtete nicht Gott." So sei es denn: wenn Gott, dein