Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 26 (1.4.1889)
- Date
- 1889-04-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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475 O, ihr Söhne und Töchter meines Volkes, ihr könntet wandeln in Herrlichkeit und Pracht wie die Sterne am Himmel, und diese erhabene Bestimmung wolltet ihr gegen eitel Tand und Nichtigkeit vertauschen? O, lehrt eure Kinder am Sedertische, daß sie stets eingedenk bleiben des hohen Berufes Israels, zu wandeln ewige Bahnen, wie die Sterne des Himmels! (Fortsetzung folgt.) Die Prötenfio» u. das Ziel des Ailtiseuittisims. Von Jfaa c Hirsch. V. (Fortsetzung.) In der Sphäre dieser und ähnlicher rein irdischer Erwägungen halten sich die antisemitischen Kundgebungen und spekuliren auf die allerniedrigsten Triebe des menschlichen Herzens. Da ist keine Spur von jener furchtbaren, aber vielleicht wirklich gehegten, fanatischen Glaubenswuth, welche Kerker, Folter, Rad und Scheiterhaufen für den Ketzer in Bereitschaft hielt, kein Fünkchen von jener wahnwitzigen Tollheit, die wegen blutschwitzender Hostien Juden auf hölzernem Gerüste bei langsamem Feuer rösten ließ. Nichts von jener einfältigen Frömmigkeit des alten Mütterchens, welches am 19. Juli des Jahres 1510 sich mühsam zu dem Neuen Markt in Berlin hinschleppte und eine Handvoll Reiser zu dem entsetzlichen Brandstoffe trug, in welchem „achtunddreißig Juden zu Pulver verbrennen" sollten, um Theil an diesem frommen Menschenmorde zu haben. Da ist nur der schamloseste Neid, welcher den Juden nicht die Frucht der Arbeit gönnt, die niedrigste Mißgunst, die der Mitbewerb des Juden von dem legitimen Streben nach Besitz und Ehre ausschließen will, die plunlpeste, dümmste Anschuldigung, welche die harmlosesten an Christen geübten Dinge zu unehrenhaften Handlungen zu stempeln sucht, sobald sie von Juden vollbracht werden, oder Gesetzesverletzungen, deren sich Tausende von Christen schuldig machen, zu Verbrechen der semitischen Rasse umwandelt, wenn auch einmal ein Jude sie begeht. Es soll allerdings nicht im Abrede gestellt werden, daß die antisemitische Agitation hin und wieder einen religiösen Furor zur Schau trägt, der ihr aber sehr schlecht zu Gesichte steht. Man merkt es ihm an, daß er gemacht ist, daß er nicht der Gluth eines ungestümen religiösen Wahnsinns entströmt. Ein solcher würde die Vernichtung oder den Religionswechsel des Andersgläubigen verlangen, ein solcher würde den Glaubensmuthigen zum Schwert und zum Kreuz greifen lassen. Mit dem Rufe „Tod oder Taufe" würde der religiöse Fanatismus sich auf die Juden stürzen und die hartnäckigen Ungläubigen dem Tode überantworten. Wer aber zu dem Volke spricht: seht da die Juden, sie sind nicht unseres Glaubens und deshalb von dem ewigen Heile ausgeschlossen, sie werden reich und mächtig durch ihre Betriebsamkeit und Intelligenz, das ist uns ein Aergerniß, weil das Geld, das in die Truhe des Juden fließt, doch nicht in den Kasten eines Christen kommt, weil die einflußreiche Stellung, die dem Juden eingeräumt wird, doch nicht von einem Christen eingenommen werden kann, darum laßt uns die Gesetzgebung in Bewegung setzen und anordnen, daß der Jude nicht fernerhin die gleichen Rechte besitzt wie der Christ, der kann wahrlich nicht von religiösem FanaUsmus, von wahrer Religiösität natürlich ganz zu schweigen — getrieben sein, der ist von Neid und Mißgunst erfüllt und will dem Volke die Rechtsberaubung des jüdischen Mitbürgers nur annehmbarer und gerechtfertigter erscheinen lassen, da doch der gehaßte und beneidete jüdische Konkurrent auch nebenher ein Andersgläubiger ist. „Geht, sperrt sie wieder in die alten Gassen — eh' sie euch in ein Christenviertel sperren", wie „der sonst für radikale Freiheit und Gleichheit schwärmende" deutsche Dichter Freiligrath im Jahre 1848 gesungen haben soll, ist nicht die Sprache des religiösen Wahnsinns, und wenn heute das Hauptorgan des christlichsocialen Antisemitismus dieses Judenhaß athmende Wort des wegen seiner revolutionären Umtriebe aus Preußen ausgewiesenen Freiligrath gegen die Juden ausspielt, so kann es wahrlich damit nicht seinem Judenhasse die Folie einer religiösen Erregung verleihen. Und wenn dasselbe angeblich strenggläubige Organ die Worte der Bibel zur Beschönigung des Antisemitismus umzudeuten wagt, so ist auch hierin alles andere, nur kein religiöser Antrieb, zu erkennen. Die fünf Bücher Mosis werden nicht nur in den Synagogen zur Verlesung gebracht und gelten nicht nur den Juden als die heilige Schrift. Auch den Christen sind sie göttlich, Gottes-Wort, auch die Kirche und die christliche Jugendlehre halten sie heilig. Es ist nun in der That überaus charakteristisch, wie der vorgeblich auf religiöser Grundlage basirende Antisemitismus in diesen jüngsten Tagen das Gotteswort der Bibel für seine Bestrebungen auszubeuten versucht. Er stellt den Satz auf:*) „Das Judenthum ist heute bedeutender, als zur Zeit Mosis. Der moderne Moses heißt Rothschild, und wir Christen :) „N. Pr. (Kreuz-) Zeitung" Nr. 88 v. 21. Febr. d. I.