Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 26 (1.4.1889)
- Date
- 1889-04-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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474 Einer war Abraham (Jecheskel, Cap. 33), aber dieser eine war eine Leuchte des Weltalls. Welch ein ungeheurer Muth gehört dazu, einer ganzen feindlichen Welt gegenüberzutreten! — Auch in unserer Zeit der Sünde und des Abfalles gehört ein nicht geringer Muth dazu, sich all den Versuchungen, Verlockungen, und Verführungen entgegenzustellen. Unsere Weisen lehren, daß der Trieb zur Sünde siebenerlei Namen habe, das heißt, daß er den Menschen in den verschiedensten Gestaltungen gegenübertritt, um sie zu verführen. Am gefährlichsten ist die Verführung, wenn sie sich in den Mantel der Tugend hüllt, wenn sie Menschenliebe und Wohlthätigkeit predigt auf Kosten der ewigen Gesetze des Judenthums. Menschenliebe und Wohlthätigkeit sind erhabene Grundsätze, und unsere heilige Religion befiehlt sie ihren Bekennern. Nicht aber ist es gestattet, in ihnen allein den Gesammtinhalt unseres religiösen Lebens zu finden. Wer sein Geld mit vollen Händen den Armen ausstreuet und den Sabbat entweiht, ist, trotz seiner Wohlthätigkeit, nach jüdischem Gesetze ein des Todes würdiger Verbrecher; wer mit Aufopferung seinen Nebenmenschen dient, kann dadurch die Sünde nicht sühnen, die er durch den Genuß verbotener Speisen begeht. Diese Anschauungen sind nicht zeitgemäß; sie werden verhöhnt und verlacht von der großen, urtheilslosen Menge. Auch Abraham stand mit seinen Anschauungen nicht auf der Höhe seiner Zeit, wie man heute sagen würde. Wie mochte er verhöhnt und verlacht werden ob seiner Lehre vom einzigen, unsichtbaren Gotte, wie mochte er verhöhnt und verlacht werden, als er, ein beinahe hundertjähriger Greis, die Beschneidung an sich vollzog, alle seine Sclaven beschnitt, als er gar an dem spätgeborenen Söhnlein die Beschneidung vollzog! Jetzt, nachdem die Beschneidung beinahe vier Jahrtausende lang an einer kaum zählbaren Reihe von Geschlechtern ist vollzogen worden, ohne daß sie die Existenz unseres Volkes beeinträchtigt hat, gibt es Leute, welche sich aus Gesundheitsrücksichten oder aus anderen Gründen weigern, dieses Gottesgebot an ihren Kindern zu vollziehen, die Andere verhöhnen und verspotten ob der Erfüllung dieser Pflicht. Wie erst muß das Urtheil der Mitmenschen über Abraham gelautet haben zu einer Zeit, da die Erfahrung über die Wirkung dieses Aktes noch nicht der Welt offen vorlag! Unentwegt und unbeirrt wandelte Abraham in den Wegen Gottes, und er wurde die Leuchte des Weltalls. Sein Sohn Jizchak, sein Enkel Jakob setzten das Werk fort, welches er begonnen hatte. Jakob erzog seine zwölf Söhne zu Bekennern, zu Dienern des einzigen Gottes, und! sie wurden die gotterkorenen Stämme. In demselben Sinne und Geiste wurden alle erzogen, wuchsen alle heran, die mit Jakob nach Mizrajim hinabgingen, in demselben Sinne und Geiste hatte Joseph seine beiden Söhne erzogen. So waren denn auch diese siebenzig Personen den leuchtenden Sternen gleich. Im Midrasch Nabbah, am angeführten Orte, fragen die Weisen: Wann hat sich die dem Abraham gewordene Verheißung fjn: 'vt ro „also (wie die Sterne, die unzählbaren) wird fein dein Samen" erfüllt? Und sie antworten: Als Gott vor der Offenbarung am Sinai zu Moscheh sprach: -idwi rra npjr rva^ „also sollst du sprechen zum Hause Jakob's." Durch die Gesetzgebung am Sinai wird es jedem Einzelnen aus Israels Mitte ermöglicht, den Sternen des Himmels zu gleichen. Jeder, der sein Herz erfüllt mit der Liebe zu Thora, der in ihr forscht und sie zur Richtschnur seiner Thaten macht, der wandelt, wie die Sterne am Himmel, ewige Bahnen. Der jüdische Mann, das jüdische Weib, in deren Herzen die Gottesfurcht wohnt und deren Thaten sich demgemäß gestalten, sind von unschätzbarem Werthe, wenn auch ihr Leben hienieden in Armuth und Dunkelheit verfließt. Wenn wir an einem heitern Septemberabende den ausgestirnten Himmel betrachten, wie er mit Sternen übersäet ist, so meint man, es sei unmöglich, die Sterne zu zählen. Und dennoch lassen sie sich zählen. Die Astronomen der alten Zeit haben behauptet, daß 1022 Sterne am Himmel erscheinen. In der neueren Zeit, namentlich seit der Vervollkommenung der Fernröhre und anderer optischer Instrumente, hat man viele Tausende von Sternen entdeckt, die früher unsichtbar waren. Zugleich hat man die Ueberzeugung erlangt, daß es wohl nicht möglich sein wird, die Zahl der Sterne zu bestimmen, daß es Welten gibt, die unserem Auge trotz der vollkommensten Instrumente entrückt bleiben. Gerade so, wie die Sterne, wandeln auch die Frommen ihre Bahnen. Verhältnißmäßig sind es nur wenige Sterne, welche die Augen der Menschen auf sich ziehen, sei es durch ihre Größe, sei es durch ihre besondere Erdennähe; die meisten bleiben unbeachtet, unerkannt. So wandeln auch viele fromme und edle Menschen auf Erden, von der Mitwelt unerkannt. Er aber, der Schöpfer des Weltalls, Er kennt sie alle und wird Niemandem den wohlverdienten Lohn entziehen, wie es heißt (Jesaias Cap. 40, V. 26): Hebet gen Himmel eure Augen und schauet, wer schuf diese? Er, der dieser Heere Zahl hervorgebracht, nennt alle mit Namen sie; dem Allgewaltigen, dem Allvermögendcn entgeht der Wesen keines.