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Der Israelit · 1889-03-28 · Heft 25 (28.3.1889) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 25 (28.3.1889)
Date
1889-03-28
Page
– (sequence 22)
Language
German
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470 Worte, mit denen sich die Ehegatten einander begegnen, ja eS hat selbst darunter zu leiden. Die Folge davon ist, daß es bei dem kleinsten Hinderniß, daß ihm von Seiten der Eltern in Erreichung eines Zweckes in den Weg gelegk wird, denselben Ton den Eltern gegenüber anschlägt und auch bald auf Andere überträgt. Wie viel Gutes können Eltern in Werken der Liebe und Mildthätigkeit schaffen, wenn sie es verstehen , in der Art und im Behandeln des Alltäglichen richtig vorzugehen. Ein Armer pocht an der Thür und spricht um eine milde Gabe an. Noch ehe er das Wort gesprochen, schlägt man ihm die Thür vor dem Angesichte zu; das Kind merkt es, und der erste Grundstein zur Härte wird in ihm gelegt. Ein andermal öffnet es selbst, und sofort ahmt eS die Handlungsweise, die es von Eltern und von Dienstboten — diese richten sich gewöhnlich nach der Herrschaft — gesehen, nach. Das Gefühl wird abgestumpft, und selbst Flehen und Bitten finden kein Gehör. Wie ganz anders, wenn man dem Armen ein freundlich Gesicht zeigt und das edle Werk durch das Kind ausführen läßt. Man beobachte, wie es mit freudestrahlendem Angesicht das Stückchen Brot oder den Zehrpfennig überreicht und zu Zeiten, wo vielleicht die Kraft des Gebers allzusehr in Anspruch genommen wird, mit flehender Stimme Fürsprache für den Armen einlegt. So wächst ein Kind heran, das der Eltern Handlungen und religiösen Sinn vor sich gesehen, das sich selbst mit Sorgfalt in Dingen des Alltäglichen versucht und dadurch sich einen Gesichtskreis geschaffen hat, der ihm zur zweiten Natur geworden und das ganze Leben hindurch sein treuer Begleiter bleibt. Hier erleben wir, daß aus der That ein W ill e erzeugt wird, der die sittliche Entschließung, die innige Wärme und wahrhafte Begeisterung für das Gute und Edle nährt, ebenso aber auch sich S e lb stzwang und Selbstbeherschung auferlegt im Verlangen nach all demjenigen, was gegen die Religion, gegen dar Sittengesetz ist. Hat nun das Kind in seinem kleinen Kreise all die schönen Tugenden vor sich gesehen und zum Theil instinktiv an sich selbst erprobt, so beginnt in der Schule die ernste Wirksamkeit, die Kinder aus dem unbewußten Handeln zu bewußten, zweckmäßigen mit festen Grundsätzen durchdrungenen Handlungen zu führen. Dieses soll und darf aber niemals durch vieles Moralisiren geschehen, sondern muh im Unterricht durch vielfache Beziehungen und Berührungspunkte, die mit dem Kinde in engster Verbindung stehen, bewerkstelligt werden. Und das ist die Hauptaufgabe der Schule: Unterricht und Erziehung in engsten Zusammenhang zu bringen, durch Unterricht zu erziehen. In den meisten Fällen trifft es auch zu, daß die fleißigen Schüler auch in ihrer Führung und im Benehmen gute sind, die faulen dagegen in ihrem sittlichen Verhalten am meisten zu herbem Tadel Anlaß geben. Es unterliegt also keinem Zweifel, daß, wenn Religiosität, Ueberzeugungstreue und Sittlichkeit in den jungen Gemüthern erwachsen und erstarken soll, dieses nie von außen eingeimpft werden kann, sondern einzig und allein durch das lebendige Beispiel, wie es in der h. Schrift niedergelegt ist, anerzogen werden muß. Drei Fächer sind es, die in erster Linie hierbei in Betracht kommen und der besonderen Beachtung werth sind: Der Unterricht in -pn und -mo, die jüdische Geschichte und Literatur und allgemeine Weltgeschichte. Diese Lehrgegenstände in methodischer Weise zu verwerthen, ist nicht leicht. Die Wege, die man eingeschlagen hat und noch einschlägt, sind gar mannigfach. Eins aber sollte sich jeder Bildner der Jugend in deutlichen Zügen vor Augen halten, daß Wort und Thal im Einklänge stehen, daß die Wahrheit aus dem Munde sprechen muß, eine Wahrheit, die Früchte trägt für Zeit und Ewigkeit. Die heuchlerische Maske, die Biele, oft aus niedrigem Beweggründe heute aufsetzen, ist die Ursache der Charakterlosigkeit, der man so oft begegnet. Gar zu leicht findet diese Halbheit Nachahmung in den jugendlichen Herzen. Ist aber die Schule das, was sie sein und bleiben muß: die Stätte sittlich-religiösen Lebens, so mögen noch so viele heute, die nie von wahrer Religion in ihrer Jugend etwas gelernt haben, mit ruchloser Hand Schmutz und Koth gegen die ehrliche Arbeit im Weinberge des Herrn werfen, ihr Mordwerkzeug wird schartig und stumpf durch die Waffen der Wahrheit, die der echte Wächter auf den Zinnen des geheiligten Tempels der jüdischen Erziehung schwingt. Solange es solche Männer noch gibt, die mit Charakter und Ueberzeugungstreue das freie, offene Wort der Wahrheit sprechen und lehren, da mag der Feind das Werk der Zerstörung und Verwüstung betreiben; es leuchtet das Morgenroth einer glückverheißenden Zukunft am Himmel des Judenthums.

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