Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 25 (28.3.1889)
- Date
- 1889-03-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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452 in seinem Haushalt die flagrantesten Verletzungen des Religionsgesetzes begeht? Wohl, der Einzelne, der Privatmann mag machen, was er wolle, und die Publicistik hat sein internes Leben nicht anzutasten; wohl aber muß sie laut protestiren, wenn Beamte der Gemeinde, wenn die offiziellen Erzieher der Jugend Dogma und Gesetz höhnend verletzen! Sollen etwa diese Beispiele die Jugend begeistern? Sollen solche MännerdieMusterbilder derZukunft werden? Von wem soll das Kind lernen, gottesfürchtig und glaubenstreu zu sein? Etwa von jenen jüdischen Religionslehrern, die am Sabbat und Festtag im Gymnasium jüdischen Kindern den Inhalt des Unterrichtes in die Feder diktiren? Etwa von jenen jüdischen Predigern, welche die ergreifende und mahnende Sinaiftimme gegen hohles Phrasengeklingel eintauschen und welche, vielleicht ohne es zu wollen, damit die gefährlichsten Feinde des Judenthums werden, weit gefährlicher als alle anderen Judenfeinde zusammengenommen? „Ein neues Herz und einen neuen Geist" — das verlangt mit dem Propheten die drängende Gegenwart, dann wird es anders unter uns werden, dann werden wir für die Glaubenslosigkeit von Juden nicht mehr einen Trost in der Glaubenslosigkeit von Nichtjuden finden, deren Ahnen einst nicht am Horeb gestanden, nicht das Wort des Ewigen vernommen haben. Denn andernfalls werden neue Synagogen wenig nützen. Die Kaiserstraßensynagoge ist bereits mit „allem Comfort der Neuzeit" ausgeftattet, die Lindenftraßensynagoge erhält eine Orgel, andere werden folgen. Für wen baut man diese neuen Synagogen? Die Jüdisch- Freisinnigen besuchen ja das Gotteshaus doch nicht im Laufe des Jahres, und die Gesetzestreuen verzichten auf diese Art von Synagogen. Wir wiederholen die Worte aus jenem Aufsatze: Will der Vorstand auch im Laufe des Jahres volle Gotteshäuser haben, so möge er doch Gotteshäuser für jene errichten, welche auch am gewöhnlichen Sabbat in die Synagogen gehen, für die konservativen Juden. Was nützt es, wenn Prachttempel erstehen und leer bleiben? Wäre das nicht allein liberal, das nicht human, wenn der Gemeindevorstand einige prunklose Gotteshäuser für die Gesetzestreuen errichtete, und nur solche Rabbiner wählte, welche nicht auf die Augsburger Synodalbeschlüsse verpflichtet werden, welche nicht in Orgelsynagogen predigen müssen und ihres heiligen Amtes so walten dürfen, wie zdas Gesetz es gebeut? In Breslau, Frankfurt und in anderen Städten übt der Vorstand diese Toleranz, diese Liberalität, sollten die Herren am grünen Tische der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands nicht derselben Anerkennung anderer Ueberzeugungen und Standpunkte fähig sein? Der Vorstand klagt über den Mangel an Rabbinern, an Predigern; mag er mehr duldsam und weniger engherzig sein, und er wird für Stellen bezeichnten Charakters die vortrefflichsten Kanzelkräfte in den Reihen der Gesetztreuen finden; wenn der Vorstand auf eine größere Reihe guter Prediger warten will, welche ihm die hiesige reformistische Hochschule liefern soll, dann, fürchten wir, wird er lange warten müssen. Ebenso fühlbar sei der Mangel an Religionslehrern? Weiß der Vorstand nicht, daß z. B. unter den 60 Zöglingen des Berliner Rabbiner-Seminars über 40 deutsche Gymnasialabiturienten sich befinden, welche großenteils pädagogische Vorlesungen hören und ebenso vorzüglich wie die Herren von der Lehrerbildungsanstalt unterrichten würden? Oder fürchtet man, jene könnten den Kindern zu viel Glaubensbegeisterung einflößen? Alle Welt kennt die glänzenden Leistungen der Religionsschule der israelitischen Synagogengemeinde Adaß Jisroel; Mitglieder der Reform, die vornehmsten Familien schicken ihre Kinder in diese Anstalt, deren Frequenz sich von Woche zu Woche steigert; die gediegensten männlichen und weiblichen Lehrkräfte wirken an der Schule, die dreifache Anzahl der Kräfte steht zur Verfügung: eine vernichtende Kritik des sonstigen jüd. Religionsunterrichtes in der Reichshauptstadt! Darum nochmals : mag man den alten Gott für die Gotteshäuser zurückerobern und die Religion wieder in die Religionsschulen einpflanzen, wenn man will, daß das in Glaubenssachen vergiftete Geschlecht gesunden soll! Seid duldsam gegen andere Ueberzeugung, räumt jedem Standpunkte sein Recht ein! Fort mitdem e ise rn e n He rz e n au s Eure m Fleische, ein neues Herz und ein neuer Geist in Eure Brust! Bl. Berlin, 24. März. Wir haben in einer anderen Correspondenz die Antwort des Berliner Gemeindevorstandes an die 75er Commission mitgetheilt und einige wenige Bemerkungen daran zu knüpfen uns gestattet. Ein Reformblatt schreibt, daß die Commission sich der Antwort gegenüber ablehnend verhalten und sich als Wahlverein constituirt habe, damit „die Hauptfaiseurs das hohe Roß zum Ritt nach dem Capitol in der Oranienburgerstraße Nr. 30 besteigen könnten." Von den näheren Verhältnissen nicht unterrichtet, haben wir den Vorsitzenden des geschäftsführenden Ausschusses um eine Mittheilung darum ersucht, ob die Meldung jenes Blattes von der Auflösung der Commission auf Wahrheit beruhe, und wir haben folgende Antwort erhalten: