Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1889-03-28 · Heft 25 (28.3.1889) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 25 (28.3.1889)
Date
1889-03-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2446951-2447947-2447973--28267-2475941
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

451 „Vom dem Inhalte der am 15. Januar eingegangenen Vorstellung haben wir mit lebhaftem Interesse Kenntniß genommen. Die Theilnahme, welche Ihre Bestrebungen bei einem sehr großen Theile der Gemeinde-Mitglieder gefunden haben, gibt uns die Gewähr dafür, daß Ihre Klage, Eltern und Kinder seien der Andacht entwöhnt und der Religion entfremdet und es sei ein großer Theil der Gemeindemitglieder gegen das Judenthum gleichgiltig geworden, nicht in ihrem vollen Umfange begründet ist. Sollte indeß Ihre Wahrnehmung richtig sein, so bliebe es doch immer eine zweifelhafte Frage, ob der Mangel an Synagogen und Religionsschulen als Ursache oder Wirkung jener Erscheinung zu betrachten ist. Die Gleichgiltigkeit gegen religiöse Interessen wird in allen Kirchengemernden beklagt und auch den christlichen Gemeinden wird der Mangel an Kirchen zum Vorwurf gemacht. Nicht ganz im Unrecht daher scheinen diejenigen zu sein, welche den Grund jener Gleichgiltigkeit in der materiellen Richtung dieser Zeit erblicken. Diese Richtung macht sich nicht weniger geltend, in öffentlichen, wie im Familienleben und ist auch in dem Umstande erkennbar, daß bei aller Wichtigkeit, welche man der Befriedigung des religiösen Bedürfnisses beilegt, mehr als auf dem Gebiete des praktischen und Genußlebens, die Frage mach der Bequemlichkeit der Befriedigung ins Auge gefaßt wird. Seltsamer Weise concurrirt in anderen Religionsgemeinschaften mit dem Vorwurf des Mangels an Bethäusern die sehr begründete Klage über den spärlichen Besuch des Gottesdienstes. Mit einer gewissen Befriedigung dürfen wir es aussprechen, daß unsere Synagogen zeitweise (!) überfüllt sind und an hohen Festtagen die Zahl der Bekenner nicht aufzunehmen vermögen. Wir verkennen den hierin liegenden Uebelstand nicht und um ihm aufzuhelfen, ist, wie den Herren Antragstellern bekannt, der Bau einer neuen Synagoge in der Lindenstraße beschlossen worden. Wir sind UNS bewußt, daß hierdurch denr vorhandenen Bedürfniß nicht voll Rechnung getragen werden wird, und wir haben deßhalb die Frage zur Errichtung weiterer Synagogen niemals aus den Augen verloren. Die Schwierigkeiten aber, welche für die Verwirklichung solcher Pläne zu überwinden sind, sollten nicht unterschätzt werden. Am wenigsten bedenklich sind die finanziellen; wir haben die Ueberzeugung, daß die Mitglieder unserer Gemeinde die Opfer, welche mit Inangriffnahme der erforderlichen baulichen, auch bei der größten Einfachheit kostspieligen Anlagen verbunden find, freudig bringen werden. Die wesentliche Schwierigkeit besteht in dem Mangel qualificirter Personen, deren Mitwirkung bei Einrichtung eines würdigen Gottesdienstes unentbehrlich ist; es fehlt an Rabbinern (Predigern), an Vorbetern, an Chordirigenten, an Sängern. Mit der bereits erwähnten materiellen Richtung unserer Zeit hängt es zusammen, daß in den letzten Jahrzehnten eine sehr geringe Anzahl talentvoller junger Männer sich dem geistlichen Stande gewidmet hat. Auch in christlichen Gemeinden wird hierüber geklagt. Wir selbst haben, so oft es sich in unserer Gemeinde um Besetzung einer Rabbinerstelle handelte, in dieser Beziehung die Verlegenheit am schwersten empfunden. Ebenso fühlbar ist der Mangel an Neligionslchrern; unsere Lehrer-Bildungs-Anstalt, trotz vortrefflicher Leistungen und trotz der Anerkennung, die ihr seitens der Vorgesetzten Behörde zn Theil wird, ist von einer verhältnißmäßig geringen Schülerzahl besucht, und jenem Mangel völlig abzuhelfen um so weniger geeignet, als die Zeit des Religionsunterrichtes nach der Einrichtung der weltlichen Schulen auf dieselben wenigen Stunden in der Woche beschränkt, in dieser Rücksicht aber mit der Vermehrung der Schulen die Zahl der Lehrer um so größer sein muß. — Aber alle diese Schwierigkeiten werden überwunden werden. Angesichts der Bestrebungen derjenigen Gemeindemitglieder, in deren Aufträge Sie das Wort ergriffen haben, sprechen wir diese Hoffnung um so zuversichtlicher aus, als wir erwarten dürfen, daß Sie Ihr Mandat durch Einreichung Ihrer Vorstellung nicht als beendigt ansehen, und daß Sie uns demnächst durch praktische Vorschläge unterstützen werden. Sie dürfen Sich überzeugt halten, daß dieselben eine eingehende Prüfung erhalten werden." Zunächst wird jeder Unbefangene den eminent friedlichen Charakter dieser Kundgebung des Vorstandes freudig begrüßen und es schmerzlich bedauern, daß der Vorstand es nicht auch schon in früheren Jahren für angezeigt erachtet hat, durch Worte des Friedens und des Entgegenkommens Trennung und Erbitterung zu verhüten; allerdings wird man gut thun, nicht nur das Vorgehen der Commission, sondern auch die Antwort des Vorstandes durch die Brille der im Herbst stattfindenden Repräsentantenwahlen zu betrachten, und unter diesem Gesichtspunkte dünkt uns die Antwort ein überaus diplomatisches, sorgsam stilisirtes Aktenstück. Vieles in der Antwort ist zutreffend, manches aber auch nicht. Zunächst ist allerdings theilweise wahr, daß die religiöse Gleichgiltigkeit in der materialistischen Zeitströmung liege, und wir begrüßten daher mit gutem Grunde in Nr. 94 vor. Jahrg. die ungetheilte Erkenntniß des Mangels an Religionsschulen und Synagogen als „die herrlichste geschichtliche Satisfaktion, welche das gesetzestreue Judenthum gegenüber jener wüsten, materialistischen Richtung erringen konnte, welche die moderne Gesellschaft im Allgemeinen und das moderne Judenthum im besonderen zersetzt und durchwühlt hat." Aber mindestens ebenso wahr ist es, daß der Mangel an Synagogen und Religionsschulen nicht die W i r ku n g, sondern die Ursache des religiösen Jndifferentismus gewesen ist. Andererseits ist es indeß thöricht, jenen Mangel als alleinige Ursache der Glaubenslosigkeit hinzustellen. Hier in Berlin haben verschiedene Ursachen den religiösen Rückgang hervorgerufen. Was nützen Synagogen, wenn sie leer stehen, was religiöse Anstalten, wenn sie nicht in jüdischem Geiste geleitet werden? Oder ist es denn ein Wunder, daß der Religionsunterricht in Berlin elend verkümmern muß, wenn z. B. ein Mann, der an der Spitze der ersten Religionsschule der jüd. Gemeinde steht, die Offenbarung leugnet und einen Abraham zur Mythe, zur Sagengestalt macht? Oder ist ein Wunder, wenn die zukünftigen jüdischen Hausfrauen ihren Glauben nur verachten und verspotten lernen, wenn sie sehen, daß ihr Leiter, wie der Direktor der jüd. Gemeindemädchenschule,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.