Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 24 (25.3.1889)
- Date
- 1889-03-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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ffWWWWWW 137 Oesterr. - Ungar. Monarchie. Krakau, 16. März. Krakau, mit seinen etwa 25,000 jüdischen Einwohnern hat seit langer Zeit keinen Rabbiner. Durch die fortwährenden Reibungen der Chassidim mit der altorthodoxen und der sogenannten Mittelpartei, mit der deutschen Gemeinde, konnte bisher zu keiner definitiven Wahl geschritten werden. Die „deutsche" Partei, d. h. die modern gekleideten Israeliten der Gemeinde, hatten bis vor Jahresfrist ihren Prediger in der Person des Herrn Rabbiner Dr. M. Duschak, der, erschöpft von fruchtloser Arbeit, hochbetagt im Anfänge des Jahres 1888 sein Amt niederlegte. Seit diesen Tagen besorgte Herr Obercantor Joseph Fischer, in Musikkreisen als eine der bedeutendsten Erscheinungen Oesterreichs bekannt, außerordentlich beliebt und von großer Popularität, die Rabbinatsgeschäste, d. h., er nahm, von maßgebender Stelle dazu autorisirt, Trauungsakte vor, sprach den Segen über den Landesfürsten u. s. w. In Wirklichkeit waren die Mitglieder der deutschen Gemeinde mit diesem Provisorium vollständig zufrieden. Wir wissen factisch nicht, was die Herren mit einem Male zu dem kühnen Entschlüsse bewog, die verwaiste Predigerstelle zu besetzen — vielleicht die Sucht nach Abwechslung in der nach der Wintersaison eingetretencn Langeweile. Kurz, diesen Sonnabend hielt Herr Rabbiner Dr. Taubeles aus Bisanc in Mähren seine Probepredigt. Mit anerkennenswerther Unerschrockenheit sprach der Herr in längerer, wohlgelungener Rede über die vollständige Verwahrlosung, die in Krakau Platz gegriffen und appellirte an die zahlreiche Versammlung um deren Unterstützung, für den Fall man ihn der Ehre würdig halten sollte, eine Stelle einzunehmen, an der vor ihm so hervorragende Männer gewirkt. Gegenwärtig wird von allen Seiten die „Israelitische Allianz" in Wien mit nicht ganz unverdienter Heftigkeit angegriffen. Ihre Thätigkeit in den letzten Jahren zeichnete sich durch besondere Unersprießlichkeit aus. Verschiedene Institutionen, die ohne vorherige genaue Prüfung in gutem Glauben auf Erfolg in's Leben gerufen wurden, sind nach kurzem Bestand mit dem Tode abgegangen. Es muß wohl daran liegen, daß die zur Begutachtung entsendeten Herren der Allianz, die eigentlichen Ursachen der schlechten Zustände nicht erkannt und da Besserungsversuche angesetzt haben, wo überhaupt gar kein Uebel vorlag. Wenn es durchaus unwürdig ist, daß, wie es ein Wiener Organ gethan, einzelnen Personen vorbedachte, selbstsüchtige Schritte zu Ungunsten des Vereins zur Last gelegt werden, so kann keineswegs in Abrede gestellt werden, daß alle Entwürfe und Ausführungen der Allianz auf eine vollständige Unkenntniß galizischer Verhältnisse schließen lasten. So steht hier schon seit nahezu neun Monaten eine ausgezeichnet eingerichtete Gewerbeschule, ein großartiges Geschenk des Herrn Abgeordneten Arnold Rapaport an seine Krakauer Glaubensgenossen, vollständig unbenutzt, weil sich die Allianz, ungeachtet früherer Versprechungen, nunmehr nicht entschließen will, die allerdings nicht unwesentlichen Unterhaltungskosten zur Verfügung zu stellen. Hier wäre gerade Gelegenheit das Uebel der socialen Verhältniste unserer galizischen Juden bei der Wurzel anzupacken; ist doch die ganze Misöre weiter nichts als eine Folge der Concentrirung aller Erwerbsuchenden auf den Handel, die kleine Zahl ungerechnet, die sich dem Studium einer Fachwissenschaft widmet. Handelsleute, Doctoren und Mediciner sind mehr als nothwendig da, während für Handwerker noch Platz in Hülle und Fülle ist. Diese heranzubilden ist obengenanntes Gebäude, mit einem Kostenaufwande von nahezu 40,000 fl. erbaut worden und nun steht cs verödet, weil die Allianz für solche Zwecke keine Mittel zu haben vorgibt. Wir halten es für zweckentsprechender, daß diese Anstalt in's Leben trete, als daß auf Kosten und Veranlassung des Vereins, die Bibel von einem Rabbiner fraglicher Richtung in's Polnische übersetzt wurde. Diejenigen, die sich hierzulande für die Bibel interessiren, erlernen sie entweder im heiligen Urtexte oder in deutscher Sprache; die ultrapatriotisch-polnische Jugend ist leider vollständig abgestumpft gegen Alles, was den Charactcr der jüdischen Nation an sich hat und kennt kein größeres Glück als sich an den Strahlen einer mißverstandenen Vaterlandsliebe zu erwärmen, die ihres Erachtens jede Gemeinschaft mit dem Judenthume ausschließt. Ich habe viele Jünglinge über diese wüste Idee der Allianz ironisch lächeln sehen. Wie dem auch sei — für die immerhin große Zahl der Jugend, deren Eltern auf religiöse Bildung halten, genügt das Vorhandene und für die zweite Species ist der polnische Text durchaus kein Anziehungsmittel. Es wäre richtiger, wenn die Allianz dahin wirken könnte, daß der Unterricht in hebräischen Fächern künftighin mit bedecktem Haupte vorgenommen und nicht wie bisher blosköpfig ertheilt werde. Ich behalte mir übrigens noch vor, auf diesen Gegenstand mit Rücksicht auf den Ausfall einer für den 1. April d. I. anberaumten Allianz-Sitzung, eingehender zurückzukommen und möchte für heute nur wünschen, daß die hier ertheil-