Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1889-03-21 · Heft 23 (21.3.1889) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 23 (21.3.1889)
Date
1889-03-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447947-2447971--28217-2475889
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

415 Die PMeuM i das Ziel des AnllsMlMNS. Von Jsaa c Hirsch. V. Ist der Antisemitismus religiös? und speziell: ist er christlich-religiös? Wenn man den Begriff „religiös" mit Gottesfurcht, Frömmigkeit und Gottesverehrung im innigen Zusammenhänge erachtet, so wäre man wohl geneigt, diese Frage ohne Weiteres nicht nur zu verneinen, sondern als völlig widersinnig zurückzuweisen. Wie könnte irgend einer auf den gotteslästerlichen Gedanken kommen, so möchte man erwidern, daß Menschenhaß — und etwas anders ist ja der Antisemitismus keinenfalls, da die Semiten unzweifelhaft dem Menschengeschlecht angehören — ein Ausfluß der Gottesfurcht, ein Ausdruck der Frömmigkeit, ein Zeichen der Gottesverehrung sein könne, da die Religion nur einen einzigen Haß, den Abscheu vor der Sünde, gestatte, aber ein Band der Liebe um alle Geschöpfe, und ganz besonders um die Menschen alle, als Kinder Eines Gottes, schlinge? Selbst in dem von dem Pfade der Tugend abirrenden Menschen, in dem Sünder, so lehrt die Religion, sollst du deinen Bruder erkennen und ihm Liebe zuwenden. „Du sollst nicht hassen deinen Bruder in deinem Herzen" (3. V. M. 19, 17), ist die Mahnung der Religion, und diese Mahnung steht im engsten Zusammenhang mit der andern: „du sollst Gott deinen Herrn ehrfürchten" (5. B. M. 6, 13). „Haß ist das Gefühl, daß das Dasein irgend eines Wesens unserem eigenen Dasein hinderlich sei, seine Vernichtung unser Dasein ergänzen würde. Mit andern Worten: sich nicht ganz fühlen, so lange noch dies oder jenes da ist. Es ist dieses Gefühl Tod, ja Umkehrung des menschlichen Herzens, das Gott zum allweiten Allumschluß aller Wesen geschaffen, und das nun ein oder alle Wesen bis zum Wunsch ihres Nichtdaseins ausschließt und nur sich umschließt, d. h. Stein wird", lehrt ein jüdischer Weiser,*) Und da sollte es religiös d. h. gottesfürchtig und fromm sein können, wenn man den Haß predigt, da könnte man den Antisemitismus mit dem ehrwürdigen, heiligen Begriff der Gottesfurcht und der Religion in einem Athem nennen? Es läßt sich gelichwohl nicht verkennen, daß gerade die Religionsgeschichte die schrecklichsten Ausgeburten des Hasses zur Darstellung bringt und damit urkundlich erweist, daß die Vorstellung, welche Menschen sich von ihrem Verhältniß zum *) Samson Raphael Hirsch (Chaurew Kap. 5.) Göttlichen gestaltet, dieselben zu den entsetzlichsten menschenfeindlichen Gräuelthaten getrieben. Auch das römische Heidenthum war eine Religion und galt als die wichtigste Angelegenheit des Staats. Als er seine Götter durch die Ausbreitung des Christenthums gefährdet glaubte, da loderte der Haß gegen die Christen und das Christenthum auf. Jedes mißliche Ereigniß ward dem Zorn der Götter über die ihnen von Seiten der Christen erwiesene Mißachtung zugeschrieben. Es däuchte darum ein frommes religiöses Werk die Christen zu Haffen, sie zu verfolgen und zu vertilgen. Sie wurden aller staatsbürgerlichen Rechte für verlustig erklärt, ihre Tempel wurden zerstört, ihre Religionsschriften verbrannt. Ausnahmsgesetze wurden gegen ste erlassen, sie waren ja staatsgefährliche Religionsoerächter! und der hohe und niedere Pöbel stürzte sich von Zeit zu Zeit auf sie, um sie niederzumetzeln. Auch die Inquisition mit ihren furchtbaren Werken des Hasses gegen die Ketzer wüthete im Namen der Religion und vermeinte ein religiöses, ein gottwohlgefälliges Werk zu üben, wenn sie Menschen cinkerkerte, peitschte, quälte, erdrosselte und verbrannte, welche kein anderes Vergehen begangen hatten, als einer anderen Vorstellung von der Religion zu huldigen. Es kann deßhalb nicht geleugnet werden, daß der getrübte Religionsbegriff zu Unthaten geführt hat, über welche der Genius des Menschthums das Haupt verhüllt, daß er zu Menschenhaß und Menschenmord verleitet. Wenn man gewillt ist, auch die Trübung der Wahrheit für Wahrheit und die Trübung der Religion für Religion zu nehmen, so könnte dem Antisemitismus vielleicht nicht das Recht streitig gemacht werden, sich religiös zu nennen, religiös in dem Sinne, wie auch Marcus Aurelius, Decius und Diocletian religiös waren, da sie die Christen verfolgten und peinigten. Wir wissen freilich nicht, ob die Christenverfolgenden Römer in der That aus religiösem Fanatismus jene Gräuel vollbracht haben, in welchem Falle ja allerdings dieselben ein Ausfluß religiöser Verordnung gewesen wären. Daß aber der Antisemitismus nicht aus religiösem Fanatismus hervorgegangen ist, das glauben wir annehmen zu können. Wir wollen es unentschieden lassen, ob es ein sittlicher Vorzug des altrömisch-heidnischen und neurömisch-chriftlichen sich gegen Christen und Ketzer wendenden Hasses von dem neuesten unter dem Namen Antisemitismus auftretenden Menschenhaß ist, wenn die Christen- und Ketzer-Verfolgungen und Morde lediglich einer religiösen Verirrung und der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.