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Der Israelit · 1889-03-21 · Heft 23 (21.3.1889) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 23 (21.3.1889)
Date
1889-03-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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414 anders als den Brudermord begehen? Wir haben am angeführten Orte die verschiedenen Lösungen dieses anscheinenden Widerspruchs, wie die großen Weisen Israels sie vielfach versucht haben, ausführlich besprochen; wir wollen heute nur eine derselben, die unmittelbar hierhergehört, unfern Lesern vorführen. Unsere Weisen lehren im Talmud n'v bn.n D'Dff n*nna pn dw. „Alles steht in Gottes Hand mit Ausnahme der Gottesfurcht," das heißt: Gott hat zu Gunsten der menschlichen Willensfreiheit Seiner Allmacht Schranken gesetzt. Es wäre ja für Gott ein Leichtes, den Menschen zu zwingen, Ihm gehorsam zu sein. Das aber ist der größte Vorzug des Menschen, daß er nach eigenem Ermeffen und eigenem Willen, daß er nach eigener Wahl das Gute thun und das Böse lassen, oder das Entgegengesetzte vollbringen kann. So hat auch der Prophet Eljahu auf dem Berge Karmel gebetet: „Erhöre mich, Ewiger, erhöre mich, damit das Volk erkenne, daß Du, Ewiger, Gott bist und daß Du es bist, der da gestattet hat, daß ihre Herzen von Dir sich abgewandt hatten!" (1. B. der Könige, Cap. 18, V. 37). In dieser Beziehung ist der Mensch selbst vor den Engeln bevorzugt. Jene reinen Geister, so gewaltig an Kraft, sie müssen die Befehle Gottes vollziehen; sie können nicht anders. Deßhalb wartet ihrer nicht Lohn, nicht Strafe. Der Mensch aber kann Gott ungehorsam sein; tausend Verführungen und Lockungen wollen ihn dazu veranlassen; er kann aber auch jeder Versuchung widerstehen, jede Verführung zurückweifen, alle Schwierigkeiten überwinden, und wenn er dann beharrt auf dem Wege der Tugend und der Gottesfurcht, so wird sein Lohn unendlich groß sein. — Die einfache Konsequenz jenes Ausspruches des Talmuds, daß Gott zu Gunsten der menschlichen Willensfreiheit Seiner Allmacht Schranken gesetzt habe — Gott könnte die Menschen zwingen, gottesfürchtig zu sein, thut es aber nicht — ist, daß Gott in Bezug auf seine Allwissenheit ebenso verfährt, weil sonst ja die Freiheit des Willens für den Menschen nur eine scheinbare wäre. Beide Grundsätze gelten jedoch nicht ganz allgemein. Es gibt Verhältnisse, in Bezug auf die Gott Seine Allmacht walten läßt, so daß die Freiheit des Willens zurücktreten muß. Wir wollen das an einem Beispiele klar machen. Der weise König hat gesagt: vobo ib 'n -ra „Das Herz der Könige ist in der Hand des Ewigen." Die Frage liegt nahe: ist denn nur das Herz der Könige in der Hand des Ewigen f Sind nicht in der Hand Gottes die Herzen aller Menschen? Die Antwort ist die, daß der König in Bezug auf die Freiheit seines Willens in gewisser Beziehung beschränkt ist mehr als die anderen Menschen. Was ein gewöhnlicher Mensch thut, wozu ein gewöhnlicher Mensch sich entschließt, das hat meistens nur Einfluß auf ihn, seine Familie oder einen kleinen Kreis der Mitmenschen. Die Entschlüsse der Könige jedoch sind oft von der größten Tragweite für das ganze Volk, manchmal für eine ganze Menge von Völkern. Ein König kann die Kriegsfackel tragen in ferne Länder und über einen großen Theil der Menschheit Unheil bringen. Daher erscheint es nicht angemessen, daß ein König in seinen Entschlüssen vollkommen unabhängig sei, insoweit diese das Allgemeine betreffen; er steht daher unter der besonderen Lenkung Gottes mehr als andere Menschen. Gott läßt es oft nicht zu, daß ein König Entschlüsse fasse, die ein ganzes Volk oder mehrere Völker in's Verderben stürzen würden. In dieser Weise lenkt Gott die Herzen der Könige mehr als die der anderen Menschen, und das ists, was der Ausspruch Salomo's besagt: „Das Herz der Könige ist in der Hand des Ewigen." Die Könige scheinen freiwillig ihre Entschlüsse zu fassen, sind jedoch unbewußt durch die Lenkung Gottes beeinflußt. Den weisen Plänen Gottes entsprach es, daß die Familie Jakob's nach Mizrajim, in das Land der Knechtschaft, gebracht werden sollte; schon unserem Vater Abraham war die Knechtschaft seiner Nachkommen verkündet worden. Gott befahl unserem Vater Jakob nicht geradezu, nach Mizrajim hinabzuziehen. Gott sprach nur: „Fürchte dich nicht, hinabzuziehen nach Mizrajim." Für unfern gottesfürchtigen Stammvater war jedoch dieser Ausspruch Gottes gleich einem Befehle; sein Entschluß war demnach ein freiwilliger, aber doch durch das göttliche Geheiß veranlaßt. Der edle Mensch entschließt sich freiwillig das zu thun, was Gott will. In diesem Sinne sagt die Hagadah: by dun nonso -m •rann 'y. „Und er zog (freiwillig) hinab nach Mizrajim, denn es war sein freier Wille, dem göttlichen Worte zu gehorchen. — Das ist die große Aufgabe des wahrhaften Juden, sich emporzuringen zu der erhabenen Geisteshöhe, daß man sich freiwillig dem göttlichen Willen fügt, und zwar derart, wie wenn man dem strengsten Zwange gehorchte, den Engeln gleich, von denen es heißt (Psalm 103, V. 20): „Die Helden an Kraft, die da vollführen Sein Wort und stets bereit sind, der Stimme Seines Wortes zu gehorchen." (Fortsetzung folgt.)

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