Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1889)
- Date
- 1889-03-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXX. Jahrgang. M SS. Israelit Zeschurun. ZeitWft M FSrdems D. Grlltes unö jilv. f ebtns in Mus. Gewrlnbe unö Schnlr. Gentrat-Hrgan für das orthodore IudentHum. Herausgegeben von Dr. Lehmann in Mainz. Donnerstags den 21. März 5649 (1889). AM" Da mit dem 1. April 1889 ein neues Quartal beginnt, so erlauben wir uns, die geehrten Abonnenten darauf aufmerksam zu machen, daß bei der Post das Abonnement frühzeitig erneuert werden muß, damit die Versendung keine Unterbrechung erleide. Leitende Artikel. Kagadah schek Mßach. Vierte Serie. IV. Mainz, 18. März. Wir haben im vorigen Kapitel dargelegt, daß die Deutung der Hagadah D by dun nonso th “imn „und er zog hinab nach Egypten — gezwungen durch das göttliche Geheiß", eine wohlberechtigte ist. Wenn dem aber so ist, dann tritt unmittelbar eine andere Frage an uns heran: daun müßte es nicht heißen tn „und er zog hinab nach Egypten", sondern 7>v'->!N2 vnm „und er wurde nach Egypten hinabgeführt, geradeso, wie es bei Joseph heißt (1. B. M., Cap. 39, V. 1) .iwiLv mn rpw „und Joseph wurde nach Mizrajim hinabgeführt." Die Beantwortung auch dieser Frage enthält für uns eine große Lehre. — Die Untersuchung, wie sich die göttliche Allwissenheit mit der menschlichen Willensfreiheit vereinen läßt, beschäftigt seit Jahrtausenden die hervorragendsten Geister. Es ist bekannt, daß der große Maimonides diese Frage nicht beantwortet, sondern sie aus dem Gebiete des Wissens auf das Gebiet des Glaubens verweist. In den Sprüchen der Väter stellt Rabbi Akiba diese Gegensätze unmittelbar nebeneinander: „Alles wird vorausgeschaut, und die Freiheit des Willens ist gegeben." — Wir haben in unseren Besprechungen der Sprüche der Väter die Ansichten der jüdischen Religionsphilosophen über diese Materie zusammengestellt und die verschiedenen Lösungen des anscheinenden Widerspruchs dargelegt. Es würde uns zu weit abführen, wenn wir hier auf das alles näher eingehen wollten; wir wollen uns hier darauf beschränken, dasjenige herbeizuziehen, was unmittelbar zu unserem Thema gehört. Diese Frage nach der Vereinigung der göttlichen Allwissenheit und der menschlichen Willensfreiheit ist nicht allein der Kern- und Angelpunkt aller philosophischen Systeme, sondern auch alles religiösen Denkens. Die Freiheit des Willens ist nicht nur das Fundament, auf welchem die Religion sich auferbaut, sondern auch die' Grundlage der ganzen menschlichen Gesellschaft. Wenn man die Freiheit des Willens leugnet, so hört jede Verantwortlichkeit auf. Dann thut der Mörder, der Räuber, der Dieb nur das, was er muß, ebenso wie der edle, tugendhafte Mensch, der große Wohlthäter, der weise Gesetzgeber, der Retter des Vaterlandes nur das thut, was zu thun er gezwungen ist; dann verdient der elende, grausame, ausschweifende Mensch keinen Tadel und keine Strafe, und der Wohlthäter der Menschheit verdient dann weder Lob noch Anerkennung. Jede Gesetzgebung würde überflüssig werden. Wie kann man von Jemandem fordern, etwas zu unterlassen, was zu thun er gezwungen ist? Wie kann man Jemandem gebieten, etwas zu thun, was er nicht anders als zu unterlassen vermag? Ebenso wie jede bürgerliche Gesetzgebung würde dann auch jede religiöse Vorschrift bedeutungslos. Nur die Voraussetzung der Freiheit des menschlichen Willens ergibt die Möglichkeit, etwas zu gebieten oder zu verbieten, gute Thaten zu belohnen und schlimme zu bestrafen. — Mit der menschlichen Willensfreiheit jedoch scheint die Lehre von der göttlichen Allwissenheit, von dem göttlichen Vorauswissen im Widerspruch zu stehen. Die Religion lehrt, daß der allwissende Gott alles im Voraus weiß. Wenn nun Gott vorher gewußt hat, daß Kajin seinen Bruder Hebel umbringen wird — konnte da Kajin