Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 22 (18.3.1889)
- Date
- 1889-03-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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402 entbehren. Ursprünglich erhielt die Polizei Ordre, allen hier wohnhaften Juden die Legitimationen abzunehmen uud der Obrigkeit behufs Prüfung zu unterbreiten, worauf sie bald neuerdings beauftragt wurde, Manche ungesäumt aus der Stadt zu verweisen, Andere wieder vermittelst Reverse zu obligtren, binnen Kurzem den hiesigen Boden zu räumen. Da gab's für die Polizei ein günstiges Moment, ihre Rechte zu utilisiren. Selbstverständlich haben im gegebenen Falle die Unbemittelteren am meisten zu leiden. Bemerkenswerth ist der Umstand, daß man gegenwärtig nicht nur ein gewanderte russische Juden, sondern auch Solche aus den sibirischen Gouvernements behelligt, was bishmzu niemals geschah. Die jüdische Intelligenz Jrkutsk's, Welcher es doch unstreitbar geziemte, sich ihrer bedrücktenGlaubensgenossen anzunehmen und ihnen unter die Arme zu greifen, sah mit eisigem Jndifferentismus dem Spiele zu. Uebrigens, ist es auch ihren Repräsentanten nicht zu verargen: ihre persönlichen Angelegenheiten, denen sie mit Herz und Seele obliegen, erübrigen ihnen keine Muße, um die Interessen ihrer armen, bedrängten Brüder in Wahrniß zu nehmen, resp. denselben materiellen Beistand zu leisten. Auch daran muß gedacht werden, daß die nvp mn auf diese „vornehmen" Herren sich nicht erstreckt. Und doch könnte man bei etwas gutem Willen, dem Nothstande wesentliche Abhilfe schaffen. Albanien. Jamiua, im Februar. Es wird nun Licht auch in Albanien! Die italienische Regierung hat soeben auf Anrathen ihres hiesigen Konsuls einen Lehrer und eine Lehrerin hierher gesendet, damit sie hier eine combinirte Knaben- und Mädchenschule errichten sollen, in der das Italienische die Unterrichtssprache sein wird. Die italienischen Schulen im Oriente unterstehen dem Ministerium des Auswärtigen in Rom, das auch deren Lehrer besoldet. Die Ankunft dieser Sendboten der abendländischen Civilisation in unserer Stadt, hat auch unter den hier lebenden Jsrteliten große Freude erregt, da es nun denselben möglich sein wird, ihren Kindern eine gediegene Schulbildung zu Theil werden zu lassen und sie so zu brauchbaren Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft zn machen. Bisher war es nämlich den hiesigen Juden nicht möglich, ihren Kindern einen gediegenen Schulunterricht zu verschaffen. Nun wird dies, Dank dem generiösen Entschlüsse der italienischen Regierung anders werden. Da die italienisch Regierung mit ihren im Oriente errichteten Schulen nur eine politische aber keine religiöse Propaganda zu machen sucht, so kann auch der Jude seine Kinder in diese Schulen senden, ohne für deren Seelenheil etwas fürchten zu müssen. Schuld und Sühne. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) „Was hast Du, Hermann?" fragte sein Onkel. „Nichts", erwiederte er, „gar nichts — nur — eine große — eine große Bitte habe ich an Dich." „Eine Bitte an mich? — und da machst Du so viele Umstände? — heraus mit der Sprache!" Er hüstelte noch immer. „Der abscheuliche Hustenreiz!" — Endlich faßte er sich ein Herz. „Lieber Onkel " „Mache keine Umstände, Junge, — sage K frisch heraus, was ich für Dich thun kann — Du bist der Sohn meiner einzigen Schwester, es würde mich daher innig freuen, Deiner Bitte entsprechen zu können." „Das kannst Du, Onkel — gewiß, das kannst." „Also?" Aber das ging nicht so rasch wie der Onkel glaubte, wohl drängten sich ihm die Worte auf die Lippen, aber über dieselben brachte er sie nicht leicht, so gewandt er auch sonst zu reden wußte. Herr Löwenstein betrachtete ihn kopfschüttelnd. „Bist Du vielleicht mit Deinen Finanzen nicht in Ordnung?" fragte er entgegenkommend. „O nicht doch, ich habe, was ich gebrauche — d. h. für mich allein. Ein Haus zu gründen wäre ich noch nicht im Stande — ich habe noch einige Jahre zu studiren — und dann, bevor man in die Praxis kommt, dauert es noch einige Zeit — doch in circa vier bis fünf Jahren hoffe ich eine Familie ernähren zu können." „Da wärest Du ungefähr fünfundzwanzig Jahre. In Deutschland kommt es, wie ich glaube, überhaupt selten vor, daß Männer sich früher verheirathen."