Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1889)
- Date
- 1889-03-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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378 ließen sich vor ungefähr 12 oder 13 Jahren dort nieder und üben das Schneiderhandwerk aus. Strond ist der Mittelpunkt der großen Kleider- Manufactur im Westen Englands. — Die neue Synagoge faßt ungefähr 100 Personen und ist im Erdgeschosse mit einem großen Schulzimmer versehen, Herr Charles Samuel aus London öffnete das Gebäude mit einem zu diesem Zwecke verfertigten silbernen Schlüssel, und nachdem die üblichen Umzüge vollzogen wurden, hielt der stellvertretende Herr Oberrabbiner Dr. H. Adler die Einweihungsrede. Er wählte zum Texte die Worte in der laufenden Parascha: „Als Moses das ganze Werk (des Mischkan) sah, und siehe, sie hatten es ethan, wie der Ewige befohlen, und Moses segnete e (EL B. M. 39, 43)." Diesen Vers auf den in Frage stehenden neuen Synagogenbau beziehend, führte der Redner in seiner gewandten und meisterhaften Redeweise des Weiteren aus, was ein BethauS zu bedeuten habe, wie das Gebet beschaffen sein müffe, wenn es seine unendlich wohlthätige Kraft und Wirkung erfüllen solle. Daß dasselbe nicht mechanisch als bloßes Lippenwerk, sondern mit großer Andacht und gesammeltem Geiste zu verrichten sei, bedeute schon das Wort das von „Denken" abgeleitet sei. Gebet ohne Andacht sei gleich einem Körper ohne Seele. Das Heiligthum habe jedoch noch einen anderen Zweck; es sei gewissermaßen auch ein Lehrhaus. Hier werden die Lehren und Gesetze unseres heiligen Erbguts, der Thora verlesen und erklärt, deren Inhalt die Anwesenden ihrem Geiste und ihrem Herzen zur Befolgung einprägen müssen. Friede und Eintracht müsse Alle beseelen, die Lehre und Furcht Gottes müsse ihren Kindern mitgetheilt, strenge Rechtlichkeit und Gewissenhaftigkeit ausgeübt und die Sabbate und Festtage heilig gehalten werden. Dann werde auch auf diesem Heiligthume die Schechina ruhen, und das Werk ihrer Hände gesegnet werden. Die Rede schloß mit einem sehr innigen Weihegebete. Der gesammte Kostenaufwand der Synagoge beläuft sich auf ungefähr 13,000 Mark. Rach dem Gottesdienste fand ein Bankett statt, bei welchem mehrere Trinksprüche ausgebracht und beantwortet wurden. Herr Dr. Adler erwiederte auf den in sehr lobenden Worten auf ihn ausgebrachten Toast in sinniger Weise und sagte zum Schluffe, daß, wenn die Mitglieder der Gemeinde ihre Kinder zu guten Juden und Jüdinnen erziehen, sie auch zugleich ihre treueste Pflicht gegen Thron und Staat erfüllen. Dem Herrn Rabbiner wurden sodann das prachtvoll eingerahmte Portrait Sir Moses Montefiore's und eine reich ausgestattete Adresse präsentirt. — Am folgenden Tage nahm er eine Prüfung der Kinder im Hebräischen und in der Religion vor und reifte nachher unter allgemeinen Segenswünschen ab. Feuilleton. Schuld und Sühne. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Der Tag neigte sich zu Ende. Leah war noch immer drinnen bei ihrer Mutter, die in jüngster Zeit zuweilen leidend, seit einigen Tagen das Bett hütete, weßhalb das junge Mädchen sich gegenwärtig auch mehr als gewöhnlich um die Wirtschaft kümmern mußte. Ihr Vater war gleich nach dem Mittagessen in seinem leichten Einspänner, einer sogenannten Britschke, nach O ...., dem nächsten Städtchen gefahren, wo er eine nicht unbedeutende Geschäftsangelegenheit abzuwickeln gedachte; vor Eintritt der Dunkelheit beabsichtigte er jedoch wieder zu Hause zu sein. Hermann sah aus die Uhr, sein Onkel war vermutlich bereits auf dem Heimwege. Einem augenblicklichen Einfalle nachgebend, griff er nach seinem Hute und verließ das Haus, um dem Onkel entgegenzugehen, mit dem Vorsatze, unterwegs seine schon wiederholt geplante Werbung anzubringen. Zu Hause hatte das seine ganz besondere Schwierigkeiten, das hatte er noch jedesmal gesehen, so oft er sich vorgenommen hatte, das entscheidende Wort zu sprechen und um die Hand seiner liebreizenden Cousine anzuhalten. Zweimal, grade als er die Gelegenheit recht passend hielt, war der Onkel in Geschäften abgerufen worden; ein anderesmal als er bereits eine Art von Einleitung begonnen hatte, war Leah dazwischen gekommen und wiederholt, wenn kein anderes Hinderniß vorhanden, hatte ihn eine unüberwindliche Schüchternheit überfallen, die es ihm unmöglich machte, dem sehnlichsten Wunsche seines Herzens in Worten Ausdruck zu leihen. Doch jetzt endlich hatte er den festen Entschluß gefaßt, sich durch nichts zurückhalten zu lassen, den langgehegten Vorsatz auszuführen. Draußen im Freien, wo er nicht jeden Augenblick fürchten mußte, durch Diesen oder Jenen unterbrochen zu werden, mochte das weit leichter gehen; er hoffte es wenigstens. Raschen Schrittes eilte er auf der Landstraße