Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1889)
- Date
- 1889-03-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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375 rungen, und das offizielle Organ der mächtigen conservativen Partei schreibt den Satz: Solche Stellen, die sehr sonderbare Aufforderungen und Ermächtigungen den Christen gegenüber (betr. die Manipulationen mit Christenblut) enthalten sollen, sind aber bekanntlich thatsächlich wiederholt aus dem Talmud aufgewiesen: Unser Heiligstes ist angegriffen, unsere Glaubensehre ist verletzt, wir erklären jene eventuelle Behauptung der „Cons. Corr." für Verleumdung und Lüge, wir bieten eine Million als Preis dem, der nur die blasse Spur des rituellen Mordes in der gesammten zweitausendjährigen jüdischen censirten und uncensirten Literatur zu entdecken vermag, der Preis bringt offenbar die Gegner außer Fassung, auf der ganzen Linie wird zum Rückzug geblasen: Da kommt — der „Reichsbote" und behauptet, wir wären im höchsten Grade entrüstet gewesen, weil die „Cons. Corr.", eine „einfache ehrlicheKlarstellun g verschiedener dunkler Punkte in dem Prozeß Bernstein verlangt hätte", da kommt das fromme, von 12000 Pastoren gelesene Blatt und meint, wir proklamiren unfern Durst nach Christenblut, weil wir ein göttliches Wort aus der Bibel ctttrenü Der gute Odoardo Galotti hat Recht: „Wer bei gewissen Dingen nicht seinen Verstand verliert, der hat eben keinen zu verlieren!" Als ob wir nicht von der ersten Stunde an eine Klärung des Dunkels in dem Prozesse gewünscht, als ob nicht alle gesitteten Glaubensgenossen, ob rechts, ob links dasselbe dringende Verlangen empfunden und ausgesprochen hätten! Nicht mit dieser Aufforderung hat die „Cons. Corr." in ein Wespennest gestochen, sondern mit der Wiedererweckung einer längst zu Grabe getragenen Unwahrheit hat jenes sonst ernste Blatt — vielleicht unbewußt — ein Attentat auf unsere heiligsten Heiligthümer, auf das Vermächtniß der Ahnen, auf Glauben und Ehre unternommen, und dazu sollen wir schweigen? Krümmt sich nicht der Wurm, wenn er getreten wird? Und wir sollen es ruhig mitansehen, wie man täglich unsere Lehre, für die die Väter gelebt und gelitten haben, in den Schmutz der Gasse zerrt, w i r sollen es ruhig mitanhören, wie man Lüge über Lüge gegen die jüdische Religion erfindet, wie man unfern Glaubensinhalt mit der Lauge frecher Bosheit übergießt, und wir sollen stumm sein, sollen nicken wie die Pagoden, und sollen nicht mehr des göttlichen Wortes uns erinnern dürfen: Wer ist Amalek? Nur die kindlichste Naivität oder die raffinirteste Bosheit kann uns einreden, daß wir unter Amalek die Christen verstehen. Gott sei Dank, so weit hat es selbst heute Amalek noch nicht gebracht, daß wir uns ernstlich gegen diese Anklage vertheidigen müßten. Unsere nichtjüdischen Mitbürger, welche dieses Blatt und diese Zeilen lesen, werden nicht wenig lachen und sich amüsiren, von dem „Reichsboten" mit dem geschichtlichen Typus der Tücke, der Hinterlist und der Verleumdung identifizirt zu werden. Nein, Amalek sind die Antisemiten gröberen Kalibers, das sind jene giftigen Hasser unseres Stammes, die Ritter, deren Urahnen in Rephidim unter dem Beistände Gottes auf's Haupt geschlagen wurden, deren Stammvater persischer Ministerpräsident gewesen ist, und die noch heute an dem Erbfehler kranken, Verleumdungspolitik treiben zu müssen. Gegen deren Bosheit wollen wir kämpfen, ihren Haß wollen wir vernichten, nach ihrem Blute dürstet es uns nicht. Die Herren von der Zunft wissen es ganz genau, daß im Dekalog das Wort steht: „Du sollst nicht morden!" sie wissen es ganz genau, daß „wer das Blut eines Menschen vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen werden," und sollte die Zunft darauf mit der neuen Lüge antworten, daß in den Augen der Juden Amalek ja nicht dem Menschen, sondern nur dem Thiere gleicht, so möge sie das Bibelwort bedenken: „Nur sei stark das Blut des Thier es nicht zu essen, denn das ist das Leben; niemand unter Euch soll Blut genießen!" (Deut. 12, 23; Lev. 17, 12). Der „Reichsbote" scherzt ja sicher auch nur mit seiner Blutproklamation, er weiß es ebenso gut wie wir, daß Haman grundlos ein ganzes Volk vernichten wollte , und daß die Juden nur ihr Leben vertheidigten, er weiß es ebenso gut wie wir, daß Haman einer der größten Schurken in der Weltgeschichte gewesen ist und wohlweise hat Herr Stöcker laut einmal dagegen protestirt, daß man ihn mit einem Haman vergleiche, der „Reichsbote" glaubt es ja selbst nicht, daß wir die Vertreter des modernen Humanismus hängen wollen, wie einst Haman aus Befehl des Königs (nicht auf Esthers Einfluß) gehängt wurde: es ist nur der „Galgenhumor" unserer Gegner, die, um eine Anklage wegen Beschimpfung der jüd. Religion zu vermeiden, von der offiziellen Blutbeschuldigung absehen müssen, dafür aber desto fleißiger die Megilla lesen. Wer ist der Fanatiker, wir, die wir gegen eine Lüge proteftirten und zum Kampf gegen diese Lüge aufforderten, oder der „Reichsbote", welcher mit dieser Aufforderung einen Blutdurst begründet, den die vor aller Welt offen liegenden Blätter unserer Geschichte nicht kennen? Sollen wir uns weiter vertheidigen? Wie lauten doch die berühmten Worte des französischen Kirchenhistorikers, Bischofs F l e u r y,