Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1889)
- Date
- 1889-03-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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374 deutschem Thron gesessen! Die Röthe der Scham steigt brennend in unser Antlitz, da wir diese Zeilen niederschreiben; Fortschritt, Zeitgeist, Aufklärung: man möchte lustig lachen, wenn es nicht zum Weinen märe! Das Purimfest naht wieder einmal heran, die Geschichte sorgt für immer neue verbesserte Auflagen der Hamansgestalten und ihrer Bosheit. Gedenke, was DirAmalek gethan!" — Wenn man recht verstehen will, was mit den letzten Drohungen gemeint ist, muß man sich der Entstehung des Purimfestes erinnern. Durch Esthers Einfluß wurde bekanntlich Haman gehenkt, seine Söhne wurden umgebracht. Dazu „e rwür gete n" die Juden „ihrer Feinde fünfundsiebzigtausend"; sie würgeten und brachten um und thaten nach ihrem Willen an denen, die ihnen feind waren". „Daher sie diese Tage Purim nannten. Es sind die Tage Purim, die nicht sollen übergangen werben bei den Juden. (Buch Esther). Rechnet man ferner dazu, daß unter den Amalekitern heute wir Christen zu verstehen sind, so hat man eine ungefähre Vorstellung, welches Schicksal uns die Juden zu bereiten wünschen. Und Menschen, die so offen ihr en Durst nach Christenblut proklamiren, sind gleichzeitig im höchsten Grade entrüstet, wenn man eine einfache ehrliche Klarstellung verschiedener dunkler Punkte in dem Prozeß Bernstein verlangt. Es sind dieselben Fanatiker, wie zu König Artaxerxes Zeiten." Amalek gleicht — so sagt der Midrasch — einem wilden Thiere, welches nach Blut, nach dem Blute Israels lechzt, und wie sehr hat die Blutlüge in der Geschichte diesem Worte der Weisen Recht gegeben J Alle Welt kennt den Ursprung dieser großen Lüge. Die christliche Religion enthält eine Lehre von der „Blutsühne". So lesen wir: „Trinket alle daraus, das ist mein Blut des neuen Bundes, das vergossen wird für Viele zur Vergebung der Sünden" (Matthäus 26, Marcus 14, Lukas 22 u. s. w.), so heißt es: „Werdet ihr nicht essen das Fleisch des Menschensohnes und trinken sein Blut, so habt ihr kein Leben für Euch" , ferner: „Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, denn mein Fleisch ist die rechte Speise, und mein Blut ist der rechte Trank" (Johannes 6). Das Heidenthum mißverstand bewußt oder unbewußt diese Lehre, es log der christlichen Lehre die Verleumdung an, daß sie den Gebrauch von Heidenblut gebiete, und ganze Christengemeinden fielen als Opfer jener Lüge. „Man sagt uns die größten Verbrechen nach von kindermörderischen Opfern" klagt Tertullian; „man glaubt, daß die Christen grauenhafte Opfer hätten. Sie sollten mit dem Blute eines einjährigen Kindes, das sie von dessen Leib mittelst kleiner Stichwunden abzapften, ihren Dank abgestattet haben, indem sie das Blut mit Mehl vermischten und Brod daraus bereiteten — so citirt Augustin die Beschuldigung. Andere Sätze anzuführen verbietet die Hochachtung, welche wir unseren nichtjüdischen Mitbürgern entgegenbringen. Zahlreiche Verteidigungsschriften wurden geschrieben, vergebens! Die Lüge erhält sich, bis daß das Christenthum die heidnische Macht vernichtet hat Im 12. und 13. Jahrhundert erhebt sich neu die gräßliche Anklage, diesmal aber gegen die Juden. Jenes Zeitalter finstersten Hasses schuf so viel Lügen gegen das verhetzte Israel, daß es auf eine mehr wirklich nicht ankommen mochte. Amalek lechzte nach dem Blute Israels, und der „Gebrauch des Christenblutes" wurde erfunden. Die Scheiterhaufen rauchten, und Ströme jüdischen Blutes stoffen. Menschenbosheit hat keine furchtbarere Anklage ersonnen, die Geschichte hat keine glänzendere Verteidigung geschaut. Päpste, Cardinäle und Bischöfe, Kaiser und Könige, Universitäten und Akademien, die größten Judenfeinde, die haßerfülltesten Apostaten, die gefeiertsten Orientalisten aller Zeiten haben die Beschuldigung als die infamste Lüge gebrandmarkt: was hat es genützt, wie weit hat es der ringende Menschenverstand im Kampf mit der Bosheit, im Kampf mit Amalek gebracht? Was hat es genützt, daß der getaufte Jude Thomas die Anklage dem König Alphons X. als erlogen bezeichnet^, daß der getaufte Jude Josua Lorki die Beschuldigung vor Benedikt XIII. eine böswillige Verleumdung nannte, daß der getaufte Jude Aloys von Sonnenfels in Wien 1753 in seinem Werke „der jüdische Blutekel", daß der getaufte Jude Hofprälat Veit in der Stefanskirche 1840 aus der Kanzel mit dem Kreuz in der Hand angesichts der zu Tausenden knieenden Gemeinde mit heiligem Eide die teuflische Lüge zurückwies? Was hat es genützt, fragen wir, daß Dr. Martin Luther 1533 schrieb: „Aber nun wir sie mit Gewalt treiben und gehen mit Lügendingen um, geben ihnen Schuld, sie müssen Christenblut und was des Narrenwerks mehr ist rc.", was hat es genützt, daß selbst ein Eisenmenger schweren Herzens betheuerte: „Es ist den Juden in dieser Sache Unrecht geschehen, sonderlich es in den Büchern Moses so scharf verboten ist?" Was hat es genützt, daß die Blüthe christlicher Gelehrsamkeit, ein Paul de Lagarde an der Spitze, alles, alles als erlogen bezeichnet^ daß ein R e n nan noch vor wenigen Jahren schrieb: „Es wäre des Christenthums würdig, daß man die Verleumdung, unter welcher es selbst so ungerecht litt, nicht auch gegen andere ausbeute?" Ein von geschlechtlichem Wahnsinn verfolgter Mensch begeht eine Körperverletzung, eine Unthat oder im schlimmsten Falle ein Sittlichkeitsverbrechen: Da kommt Amalek, die Bosheit. Die gesammte internationale Hetzpresse greift unter Triumphgejohle nach dem seltenen Bernsteinfunde, man denunzirt die jüdische Religion bei den Regie-