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Der Israelit · 1889-03-11 · Heft 20 (11.3.1889) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 20 (11.3.1889)
Date
1889-03-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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363 Feuilleton. Schuld und Sühne. Erzählung von Friedrich Nott. (Fortsetzung.) „Armes Kind", sagte der junge Mann mitleidig, „ich kann mir Deinen Schrecken denken. Aber was hast Du gethan, nachdem Du diese peinlichen Entdeckungen gemacht hattest?" „Ich hatte einige Tage vorher Brief von meinem Vater aus Hamburg erhalten, worin er mir schrieb, daß er sich eine Woche dort aufzuhalten beabsichtige. Ich bin daher sofort mit meiner Schultasche auf's Telegraphenamt gegangen und habe meinen Vater telegraphisch gebeten, er möge unverzüglich Herkommen. Mittags habe ich natürlich nichts anderes als Brod gegessen. Der Onkel schien beunruhigt und hat gefragt, ob ich mich nicht wohl fühle, die Tante hat ihm aber gewinkt und hat gesagt, ich hätte vermutlich in der Nacht nicht gut geschlafen, bis morgen würde ich schon bessern Appetit haben. — Abends ist der Vater gekommen. — Du hättest sehen sollen, wie er sich gefreut hat, als er mich gesehen har; er hatte nämlich gefürchtet, mir wäre ein Unglück zugestoßen und es hat mir wirklich leid gethan, ihn beunruhigt zu haben. Als ich ihm aber gesagt, weshalb ich ihm telegraphirt Habe, da war er sehr aufgeregt und hat gesagt, ich hätte nichts Gescheidteres thun können. Und dann hat er mit dem Onkel und mit der Tante gesprochen; ich bin nicht dabei gewesen, aber die Tante hat nachher sehr verweint ausgesehen und war sehr unfreundlich gegen mich; ich glaube, der Onkel hat erst durch den Vater erfahren, wie es in seinem Hause zugeht. Am andern Tage bin ich mit meinem Vater abgereist." Der junge Mann hatte mit sichtlichem Interesse ihrer Mittheilung gelauscht. „Das war eine wirkliche Prüfung für Dich, Leah; Gott sei Dank, daß Du sie so gut bestanden hast. Aber Du bist brav." „Woher weißt Du das?" fragte sie, in den früher scherzenden Ton zurückfallend, „von Jemandem, der nicht trefe essen will, kann man noch nicht unbedingt behaupten, daß er brav ist; man kann nur behaupten, daß er in dieser Beziehung nicht schlecht ist." „Da hast Du wiederum recht, Du kleine Philosophin." „Wie Du so von oben herab sprichst, als ob ich noch ein ganz kleines, dummes Kind wäre." Er lachte. „Na, so übermäßig groß bist Du doch auch nicht." „Ich bin groß genug", versetzte sie mit einer muthwilligen Bewegung des Kopfes, „und gescheidt genug bin ich auch. Ich weiß ganz genau, was Du mit Deinem Lob hast sagen wollen." „Was ich mit meinem Lobe habe sagen wollen? — Nun, sicherlich doch nichts anderes als was in den Worten selbst enthalten ist. Daß Du nämlich sehr brav und sehr gescheidt bist." „Na, na, na! stelle Dich nur so unschuldig. Ich weiß, was ich weiß. Ich bin nämlich gestern im Nebenzimmer gewesen und die Thür war offen, als Du dem Vater hier im Zimmer einen langen und breiten Vortrag gehalten hast über den Religionsunterricht der Mädchen in Deutschland und über meine Unwissenheit auf religiösem Gebiete." „Ich bin Dir in meinem langen und breiten Vortrage hoffentlich nicht zu nahe getreten." „Pah! — Das wollen wir jetzt nicht untersuchen. Viel Schmeichelhaftes habe ich nicht vernommen. —" „Aber Leah, ich bitte Dich, ich habe doch nur mein Bedauern ausgedrückt, daß Du trotz Deiner raschen Auffassungskraft und Deines scharfen Verstandes doch so wenig religiöses Wissen hast." „Ach was", entgegnete sie ärgerlich, „wenn ein Mädchen den Haushalt den religionsgesetzlichen Vorschriften entsprechend zu führen versteht, so hat sie ein vollauf genügendes religiöses Wissen. — Komme Du mir nur mit Eurer Religiösität in Deutschland. — Was die zu bedeuten hat, das habe ich bei der Tante erfahren." „Aber wer wird denn von einem einzelnen Falle auf das Allgemeine schließen. Ich sage Dir —" „Leah! Leah!" rief eine schwache Stimme vom Nebenzimmer her. „Die Mutter verlangt nach mir", sagte Leah hastig und eilte hinein. Ihr Vetter blickte ihr sinnend nach. Wie war sie doch so anmuthig und liebreizend — mit Centnerschwere fiel ihm der Gedanke auf's Herz, daß er sie in der kommenden Woche verlassen mußte. — Seit einem Monate weilte er als Gast in dem Hause seines Onkels, mit harmloser Unbefangenheit verkehrte seine Cousine mit ihm, ihm aber war die Unbefangenheit im Verkehr mit ihr längst abhanden gekommen und innige Liebe für das schöne

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