Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 19 (7.3.1889)
- Date
- 1889-03-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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344 bist", entgegnete sie mit einer anmuthigen Bewegung des Kopfes, „und überdieß — Du kennst das Leben nicht." Zu jeder andern Zeit hätte diese Bemerkung seiner kaum fünfzehnjährigen Couisine die Lachlust des jungen Mannes erregt, doch im Augenblick beachtete er dieselbe nicht. „Aber ich bitte Dich, sage mir nur, wie konnte Dir die unjüdische Richtung des Hauses, in dem Du Monate lang weiltest, solange verborgen bleiben?" „Nichts leichter als das. Mein Vater hat mich nach Berlin gebracht, damit ich, wie die Tante sich ausdrückte, eine gebildete junge Dame werde. Ich habe deshalb eine höhere Töchterschule besucht und wenn ich nach Hause gekommen bin, hatte ich stets so viel zu lernen und zu arbeiten, daß ich mich um das, was im Hause vorging, nie gekümmert habe. Außerdem mußt Du wissen, daß die Mutter des Onkels eine sehr brave, fromme Frau ist und auch dort im Hause gewohnt hat. Um ihretwillen ist bei Tisch immer alles ganz wie an einem echt jüdischen Tische vor sich gegangen, der Onkel hat immer halblaut das Tischgebet gesprochen, hat am Sabbat Kiddusch und Hawdoloh gemacht u. s. w. — Die alte Frau ist aber sehr schwach und hat schon seit Jahren das Zimmer nicht mehr verlassen können. In die Küche bin ich nur höchst selten gekommen, denn ich hatte dort nichts zu thun. Aber am vorletzten Tag, grade als ich in die Schule gehen wollte, sagte die Tante zu mir, ich möchte doch im Vorbeigehen der Köchin sagen, daß der Spargel das vorige Mal nicht gut war, sie möchte darauf sehen, daß sie heute einen bessern bekomme. Ich bin natürlich in die Küche gegangen, um den Auftrag der Tante auszurichten, aber was ich dort gesehen habe, hat mich so frappirt, daß ich ganz vergessen habe, was ich dort wollte. Denke Dir, auf dem Tisch hat ein gerupfter Truthahn gelegen und daneben eine kleine Schachtel mit mehreren Siegelabdrücken. Grade, als ich in die Küche gekommen bin, hat die Köchin ein kleines Stückchen Bindfaden um den einen Fuß des Truthahnes gelegt und hatte dann mit einem Tröpfchen Siegellack einen von den Siegelabdrücken auf den Bindfaden geklebt. Ich habe sie natürlich gefragt, was sie da mache. Da hat sie gelacht und hat gesagt, das wärefür die alte Madame oben, — damit hat sie die Mutter von dem Onkel gemeint, — die wäre nicht ganz richtig im Kopf, habe allerhand Schrullen. Und jedes Stück Geflügel, das sie nach Hause bringe, daran müsse sie erst einen Siegelabdruck kleben und es dann hinauftragen zu der alten Madame. Die setze dann immer ihre Brille auf und betrachte das Siegel sehr genau und dann sage sie, es wäre gut; sie aber löse dann vorsichtig den Siegelabdruck wieder ab und bewahre ihn für ein anderesmal auf. Als ich sie dann gefragt habe, wer den Truthahn geschlachtet hätte, da hat sie gesagt, das wisse sie nicht, sie kaufe dergleichen schon geschlachtet in der Geflügelhandlung, und denke Dir! sie hat eine nichtjüdische Handlung genannt. Ich war so erschrocken, ich kann Dir gar nicht sagen, wie. Sogleich bin ich wieder heraufgerannt zur Tante um ihr zu sagen, was ich gesehen hätte und was die Köchin mir erzählt. Ich hatte geglaubt, die Tante würde auch sehr erschrecken, aber sie hat gelacht und hat gesagt, ich solle mich nicht um Dinge kümmern, die mich nichts angehen, sondern solle machen, daß ich in die Schule komme, es wäre schon spät. — Was ich ihr geantwortet habe, weiß ich nicht mehr, ich war ganz consternirt." (Fortsetzung folgt.) „Israelit" und „Aschmun" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens 2 Bogen Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch Leu Buchhandel )U bestehen bet E. F. Slrtuackrr. Frtpstg, Daßplah 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark an die Expedition franco einzusenden. Inhalt (Hanptblatt): Leitende Artikel: Hagadah schel Peßach. — Die Prätension und das Ziel des Antisemitismus. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Aus Unterfranken. Berlin. Breslau. Homburg v. d. Höhe. — Oest.-Ung. Monarchie: Pesth. — Feuilleton: Schuld und Sühne. — Inhalt der ersten Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Stuttgart Berlin. Köln. Oberhausen. — Oesterr.-Ung. Monarchie: 2mal Wien. Budapest. — Italien: Rom. — Rußland: Alexandrowsk. — Inhalt der zweiten Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Frankfurt a. M. Wongrowitz. — Rußland: Kijew. — Inhalt der Extra-Beilage: Spenden-Berzeichnisse. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit" Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei (Oscar Lehmann) in Mainz. Hierzu drei Beilagen.