Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 19 (7.3.1889)
- Date
- 1889-03-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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343 „Was sagst Du?" rief Herrmann mehr belustigt als erstaunt. „Kant hat die Tante öfters besucht?" „Daß er sie besucht hat, habe ich nicht gesagt", entgegnete sie ärgerlich, „Du verdrehst einem die Worte im Munde." „Aber Du hast doch gesagt —" „Daß er zur Tante in's Haus gekommen ist, habe ich gesagt, aber muß er sie denn deßhalb besucht haben?" „Was hätte er denn sonst dort gethan?" „Zerrissene Stiefel hat er geholt und wenn er sie geflickt hatte, hat er sie wieder gebracht." »Ja so, Herr Kant ist ein Flickschuster!" lachte Herrmann. „Ich begreife nicht, wie Du über die unbeutendften Sachen so herzlich lachen kannst", sagte sie kopfschüttelnd, „kennst Du nicht das Sprichwort? an vielem Lachen erkennt man den Narren?" „Dieses Sprichwort war mir bisher nicht bekannt, aber ich werde es beherzigen als weise Lehre meiner holden Cousine." „Wenn Du Dir nur endlich einmal das Spotten abgewöhnen wolltest." „Wenn Du mir nur endlich einmal sagen wolltest, weshalb Du nicht länger als vier Monate in Berlin hast bleiben wollen." „Nein, nein, nein, das sage ich Dir nicht! Du Haft mich heute allzusehr geärgert." „Wenn ich Dich geärgert habe, so ist das sicherlich gegen meine Absicht geschehen, und bitte ich Dich einständigst um Verzeihung. Kannst Du mir verzeihen, Leah?" Sie schüttelte lachend den Kopf. „Heute nicht und vor dem Versöhnungstag überhaupt nicht. Dann freilich werde ich's wohl müssen." „Gottlob, daß Du eine fromme Jüdin bist!" „Du meinst, daß ich deßhalb nach dem Versöhnungstage Dir sagen müßte, weshalb ich nicht in Berlin bleiben wollte?" „Ich hoffe es wenigstens." „Das werde ich mir doch noch überlegen." Sie blickte lächelnd zu ihm hinüber und doch mit einem gewissen Ernst. „Du bist nach mir in Berlin gewesen?" Er schüttelte den Kopf. „Bis jetzt habe ich in Würzburg studirt, doch im nächsten Semester beabsichtige ich nach Berlin zu gehen." „Aha!" sie neigte nachdenkend das Köpfchen, „da wirst Du vermuthlich auch die Tante besuchen?" „Vermuthlich, — sie wäre doch berechtigt, es übel zu nehmen, wenn ich versäumen würde, ihr meine Aufwartung zu machen." „Und wirst auch bei ihr essen?" „Und werde auch bei ihr essen, vorausgesetzt, daß sie mich zum Essen einladen wird." Das junge Mädchen schüttelte abermals den Kopf, dann blickte sie um sich, wie, um sich zu vergewissern, daß kein unberufener Lauscher in der Nähe und trat einige Schritte näher zu dem jungen Manne hin. „Hermann," sprach sie im Flüsterton, „ich will Dir sagen, weshalb ich nicht länger bei der Tante bleiben wollte." „Du bist sehr gütig, meine liebe Leah, und ich werde mich Dir sehr verpflichtet fühlen." „Ach nein, jetzt mußt Du keinen Witz machen, denn die Sache ist sehr ernst und Du mußt mir sogar das Versprechen geben, daß Du gegen Keinen darüber sprechen wirst." „Hältst Du mich für einen Schwätzer?" „Gewiß nicht, aber Du mußt nicht nur gegen keinen Fremden darüber sprechen, sondern ganz besonders auch nicht mit meiner Mutter, denn Du weißt doch, die Tante ist die Schwester meiner Mutter, und darum würde es meiner Mutter sehr leid thun, wenn sie es wüßte — aber Dir muß ich es sagen, denn wenn Du demnächst in ihr Haus kommen wirst —" „Was willst Du mir sagen, liebe Leah?" fragte er in demselben Flüsterton, den sie angeschlagen hatte, indem er noch näher an sie herantrat und sich zu ihr neigte. Noch einen Moment zögerte sie, dann aber entgegnete sie rasch. „Du darfst bei der Tante keine Einladung zum Essen annehmen; in ihrer Küche werden die religionsgesetzlichen Vorschriften nicht beachtet." „Leah!" rief er betroffen, „sprichst Du im Ernst?" „Du glaubst doch nicht, daß ich in einer derartigen Angelegenheit scherzen könnte?" „Nein, gewiß nicht. — Aber ich begreife nicht, Dein Vater selbst hat Dich zu Deiner Tante gebracht und vier Monate lang hast Du doch in ihrem Hause gegessen. —" „Und das begreifst Du nicht? würdest Du denn nicht auch bei ihr essen, wenn ich Dich jetzt nicht aufmerksam gemacht hätte, daß Du es nicht darst?" „Freilich, freilich, wie hätte ich ahnen können. —" „Das ift's. Mein Vater hatte auch keine Ahnung von der sogenannten aufgeklärten Anschauungsweise meiner Tante und ich habe sie erst in den letzten Tagen meines Aufenthaltes bei ihr bemerkt." „Das ist's ja eben, was ich nicht begreife." „Weil Du überhaupt etwas schwer von Begriff