Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 18 (4.3.1889)
- Date
- 1889-03-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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330 Wahl gelangt, betrifft, so habe der Ausschuß des Vereins beschlossen, dieselbe zu unterstützen. Motivirt wurde dieser Beschluß dadurch, daß es gilt, einen gemeinsamen Feind, die Verbündeten Clericalen und Antisemiten, zu bekämpfen. Ferner habe der Deutschdemokratische Verein beschlossen, auch die beiden Candidaten der liberalen Bürgerpartei, die Gemeinderäthe Frosch und Holly, zu unterstützen. (Allgemeine Zustimmung.) — Reichraths-Abgeordneter Dr. Kronwetter, mit anhaltenden Hochrufen empfangen, nahm sodann das Wort. Er trete hier nicht als Emissär des Dr. Mandl auf und habe auch nicht die Absicht, Propaganda für ihn zu machen. Aber heute handle es sich nicht um Personen, sondern um Prinzipien, welche einander gegenüberstehen. Die Niederlage oder der Sieg bei den heurigen Gemeinderathswahleu werden eine Niederlage oder einen Sieg des Princips bedeuten. Dies allein veranlasse ihn, das Wort zu ergreifen. Dr. Kronawetter bemerkte: In dem antisemitischen Programme liege eine Verletzung der alleruatürlichften Grundsätze. Das Recht macht keinen Unterschied zwischen einzelnen Menschen. (Lauter Beifall.) Sobald in den Grundsatz der Gleichheit aller Menschen ein Loch hineingeschlagen wird, dann ist es mit der Freiheit und Gleichheit der Menschen für immer aus. Wenn man Seperatgesetze für die Juden schaffen will, dann sei es eine natürliche Folge, daß man Separatgesetze für die Bauern (was ohnehin schon geschehen ist), für den Adel und für die übrigen Classen schaffen müsse. (Rufe: Sehr richtig!) Im Antisemitismus präge sich ein ganz brutaler, roher Egoismus aus. Wer sich von solchen Prinzipien leiten läßt, hat überhaupt keine Berechtigung und Befähigung zu einer öffentlichen Function. Uebrigens sind es die Clericalen, welche das ernten wollen, was die Antisemiten gesäet. Es ist eine Schmach, daß in der Residenzstadt Wien überhaupt eine solche Irreleitung der Bevölkerung möglich sei. (Anhaltender Beifall.) Schließlich empfahl Dr. Kronawetter die Unterstützung der Candidatur des Dr. Mandl. In ähnlicher sprach Dr.Z i m m e r m a n n, worauf die bisherigen liberalen Gemeinderäthe Frosch und Holly, sowie Dr. Mandl als Candidaten des Vereins aufgestellt wurden. Als Candidat für das Mandat im zweiten Wahlkörper stellte sich Gemeinderath Dr. Raimund Grübl vor. Auch er beleuchtete das Programm der Antisemiten und sagte, es sei Pflicht aller Aufgeklärten und liberalen Männer, bei den Wahlen einig vorzugehen und den Gegnern Schritt für Schritt nachzuweisen, wie sie das Volk belügen und betrügen und wie jede ihrer Versprechungen nichts als eitler Schwindel ist (Lebhafter Beifall.) Alle freisinnigen Männer müssen heute mit den Demokraten Zusammengehen, um die wichtigsten Güter der Menschheit, vor Allem die freie Schule, zu retten und zu sichern. Erst wenn es einmal gelungen ist, jene Männer, welche wie ein Schnittling auf jeder Suppe schwimmen, zu beseitigen, dann werden wir wieder ruhig arbeiten können, den ehrlichen Menschen achten und den unehrlichen bekämpfen, aber niemals Jemanden anfeinden, weil er als Jude geboren ist, wenn er auch der ehrlichste Mann wäre. (Stürmischer Beifall.) Auch die Candidatur Dr. Grüb l's sowie die des Gemeinderaths Math ies im ersten Wahlkörper wurden einstimmig angenommen. — Der Margarethener Wählerverein, der Verein, welcherDr. Lueger sein Reichsrathsmandat gewonnen, hat gestern durch seine Präsidentenwahl gezeigt, daß er nicht mehr willenlos in der antisemitischen Strömung treibt. Trotz eines Schreibebriefes Dr. Lueger's, trotz der heftigsten Agitation der antisemitischen Gemeinderäthe und ihrer Brandreden, trotz der obligaten Beschimpfung aller anderen Parteien wurde der Demokrat D otzau e r, der sich offen als Nichtantisemiten bekannte, mit 89 Stimmen gegen den antisemitischen Candidaten, der 68 Stimmen erhielt, zum Präsidenten gewählt. Die Demokraten haben also über die Antisemiten gesiegt. — Im Deutschen Fortschrittsverein des Bezirkes Neubau wies der Vorsitzende, Gemeinderath F r a u e n b e r g e r, auf die Nothwendigkeit eines einheitlichen geschlossenen Vorgehens hin, um den liberalen Candidaten zum Siege zu verhelfen. In anderen Bezirken hatten sich Demokraten und Liberale angesichts des Treibens der Antisemiten verbündet, am Neubau sei dies nicht möglich, denn die Candidaten der Einen könnten so wenig angenommen werden, als die der Anderen. Es wurde beschlossen, daß sich der Ausschuß als Wahlcomite organisire. Pesth, 7. Febr. Der einst vielgenannte antisemitische Agitator Julius Verhovay wurde heute vom Strafgerichte zu sechswöchentlichem Gefängnisse und 300 fl. Geldstrafe eventuell zu weiterem dreißigtägigen Gefängnisse verurtheilt, und zwar wegen des Vergehens der Ehrenbeleidigung gegen den Czegelder Bürgermeister Gnbody, den Verhovay im Gerichtssaale einen Schurken genannt hatte. Die Affaire hängt mit den letzten Wahlen zusammen, bei denen Gnbody als Wahlpräsident angeblich die Wiederwahl Verhovay's zum Abgeordneten verhindert hatte. Der Staatsanwalt appellirte gegen das geringe Strafausmaß. Auch Verbovay legte Berufung ein.