Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 17 (28.2.1889)
- Date
- 1889-02-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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306 Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 25. Febr. Baron Hirsch hat eine neuerliche Spende mit dem jährlichen Zinsertrag von 120,000 fl. für verschämte Arme gemacht. Wien. Heute erschien eine Deputation des Vorstandes der Wiener inraelitischen Cultusgemeinde beim Statthalter Baron Possinger, um demselben eine an den Kaiser gerichtete Beileidsadresse zu übergeben mit der Bitte, diese Trauerkundgebung an die Stufen des Thrones gelangen zu lassen. Freiherr von Possinger nahm die Adresse entgegen und bemerkte, daß die Treue und Loyalität der israelitischen Cultusgemeinde bekannt sind. Prag. Zu Anfang dieses Monates schon verbreitete sich das Gerücht, daß hervorragende Personen in Hamburg mit dem hiesigen Ober-Rabbiner in Verhandlung stünden, wegen Uebernahme des dort vacanten Oberrabbinerpostens. Man schenkte diesem Gerüchte keinen Glauben, da keine Vortheile bei diesem Tausche, weder materielle noch moralische, ersichtlich schienen. Da geschah das Unglaubliche, der Ober- Rabbiner Hirsch machte unserer Repräsentanz Mittheilung von der Thatsache jener Anerbietungen und theilte bald auch den bei ihm erschienenen Repräsentanzmitgliedern mit, daß er einem an ihn ergehenden Rufe nach Hamburg Folge leisten wolle, wenn man ihm nicht durch Annahme mehrerer Punkte, die er seit Jahren im Interesse seines Amtes und der Religion anstrebe, ein Vertrauensvotum gebe. Die drei Punkte betreffen das in unglaublichem Zustande der Regellosigkeit und Vernachlässigung liegende Schlacht- und Fleischverkaufswesen, die Mikwa und die Formirung des Rabbiner-Collegiums bei Scheidungen und Chaliza-Ceremonien. Sämmtliche Forderungen müssen als gerechte, im Interesse seiner religiösen Ueberzeugung unentbehrliche bezeichnet werden. Trotzdem wurde ihm das gewünschte Vertrauensvotum erst nach Absentirung einiger Dissidenten mit nur sechs gegen sechs Stimmen dadurch beschlossen, daß der Vorsitzende für die Forderungen dirimirte. In eingeweihten Kreisen kann kein Zweifel darüber herrschen, daß dies nicht zum gewünschten Ziele führen kann, namentlich, da man sich beeilte, schon Tags darauf das Resultat mit Angabe des Stimmenverhältnisses zu veröffentlichen. Hoffentlich werden die Verhandlungen doch das Ergebniß haben, daß der allseits beliebte Ober-Rabbiner uns erhalten bleiben wird. Fe« i^l e t o n. Schuld und Süyne. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Orloffski hatte den Bruch erwartet, hatte erwartet, daß derselbe bereits in den frühen Morgenstunden sich vollziehen werde und dennoch fand dieser ihn wenigstens in der ersten halben Stunde nahezu fassungslos. In verhältnißmäßig kurzer Zeit gelang es ihm jedoch, sich zu ermannen. Als er seinen Diener rief und demselben befahl, Vorbereitungen zur Abreise zu treffen, da er noch mit dem Vormittagszug nach O .... fahren müsse, war sein Ton ruhig und gemessen, wie gewöhnlich, und seine Handschrift fest und sicher, als er in einer Eingabe an das Oberkommando um seine Entlassung nachsuchte. Zur bestimmten Zeit befand er sich, nur von seinem Diener begleitet, auf dem Bahnhofe. Er hatte dem treuen Burschen keineswegs Geheimhaltung anempfohlen, demselben waren jedoch bereits in den Morgenstunden so mancherlei Gerüchte über die Vorgänge in der verflossenen Nacht zu Ohren gekommen, daß es ihm im Interesse seines Herrn schien, über dessen bevorstehende Abreise keinerlei Aeußerung verlauten zu lassen. Zwar glaubte er von allen den Ungeheuerlichkeiten, die ihm berichtet worden waren, nicht den zehnten Theil, denn der leiseste Zweifel an der Ehrenhaftigkeit seines Herrn wäre ihm wie ein Sacrilegium erschienen; aber er erkannte doch aus dem Ganzen, daß sein Herr Unannehmlichkeiten gehabt hatte und dessen Abreise ferneren Unannehmlichkeiten Vorbeugen sollte. Daruur schwieg er gegen Jeden. In trübe Gedanken versunken legte Orloffski die Eisenbahnfahrt nach O .... zurück. Von da hatte er noch ungefähr eine Stunde bis zu seinem Gute. Seltsam überrascht war er, als er beim Aussteigen aus dem Coupse einen seiner Leute mit seiner Equipage in der Nähe der Bahn erblickte. Rasch schritt er auf ihn zu. „Grüß' Dich Gott, Iwan! wie kommst Du denn hierher?" Der Kutscher zog grüßend den Hut, indem er sich tief verneigte. „Ich habe hier gewartet auf den gnädigen Herrn." „Auf mich hast Du gewartet?" fragte der Major erstaunt, „wer hat Dir denn gesagt, daß ich kommen würde?" „Nun, der Herr Verwalter. Ich habe doch gestern einen Expreßbrief an den gnädigen Herrn