Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 17 (28.2.1889)
- Date
- 1889-02-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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302 auf in geringer Anzahl und ward dort zu einem großen, mächtigen und zahlreichen Volke." Die Uebersetzung, welche wir hier gegeben haben, ist die gewöhnliche und von den maßgebenden Autoritäten als richtig anerkannte. (Vergleiche Targum Onkelos, Targum Jeruschalmi, Raschi rc.) Die Richtigkeit dieser Uebersetzung wird aber vielfach bestritten; viele Erklärer, Aben Esra an der Spitze, behaupten, das Wort “dN, bekanntlich bp pa, könne nicht transitiv gebraucht" werden; man müsse daher übersetzen: „Ein umherirrender Aramäer war mein Vater". Hiernach würde unserem Vater Jakob die Bezeichnung Aramäer wegen seines zwanzigjährigen Aufenthaltes in Aram beigelegt. Abgesehen davon, daß diese Erklärung der Tradition widerspricht, erscheint es sehr unwahrscheinlich, daß die heilige Schrift unfern Vater Jakob als Aramäer bezeichnen soll. Rabbi Wolf Heidenheim hat denn auch überzeugend nachgewiesen, daß die Einwände gegen die traditionelle Erklärung durchaus unzutreffend sind, da das Zeitwort nax auch im pa häufig transitiv gebraucht wird. — Aber abgesehen von dieser nunmehr beseitigten Schwierigkeit im Ausdrucke, ist der Sinn des Verses schwer zu verstehen. „Der Aramäer wollte vernichten meinen Vater, da zog dieser hinab nach Mizrajim". Sollte man da nicht meinen, daß Jakob auf der Flucht vor Laban ein Asyl in Mizrajim gesucht und gefunden habed Dem ist jedoch nicht so. Die Uebersiedelung nach Mizrajim fand fast ein Drittel Jahrhundert später statt, und nicht Laban, sondern Joseph hatte es veranlaßt, daß Israel nach Mizrajim zog. Raschi zerschneidet den Knoten statt ihn zu lösen, indem er sagt, daß n^SD yvi mit dem Vorhergehenden nur in dem losen Zusammenhänge der Aufzählung steht, daß es also etwas neues ist: die erste Verfolgung war die Labans, die zweite die in Egypten. Daß diese Erklärung bei den Späteren wenig Zustimmung und Anerkennung gefunden, brauchen wir wohl nicht erst zu sagen. So hat sich denn der Scharfsinn der Weisen unseres Volkes stets an diesem Verse zu erproben versucht. Wir wollen einige geistreiche Erklärungen hier mittheilen: Unsere Weisen lehren: niemals soll der Mensch ein Kind vor seinen anderen Kindern auszeichnen. In Folge des Zierraths, welchen Jakob an dem Kleide seines Sohnes Joseph anbringen ließ, t]t es dahin gekommen, daß unsere Väter in das Galuth Mizrajim wandern mußten. — Von dieser Bestimmung macht der Erstgeborene eine Ausnahme, da ja die Thora selbst eine Auszeichnung durch zwiefaches Erbe ihm zuerkannt hat. Wäre also Joseph Jakobs Erstgeborener gewesen, so hätte der Vater ihn auszeichnen dürfen, und die Israeliten hätten nicht nach Mizrajim zu wandern brauchen. Wer aber hat es verschuldet, daß Rüben und nicht Joseph der Erstgeborene geworden2 Niemand anders als Laban, der seinen Schwiegersohn Jakob betrog und ihm Lea statt Rachel zuführte. „Der Aramäer war ein Vernichter meines Vaters, weil er ihm das geliebte Weib vorenthielt und eine Andere an deren Stelle unterschob; Jakob aber zeichnete den ältesten Sohn seiner geliebten Rachel vor allen Kindern aus, wiewohl dieser nicht sein Erstgeborener war, und so hatte im Grunde Laban es verschuldet, daß Israel nach Mizrajim ziehen mußte. Diese Erklärung ist zwar sehr geistreich und von vielen großen Männern gegeben worden; allein, daß sie in Wahrheit dem Wortlaute der heiligen Schrift entspreche, werden nur Wenige zugeben wollen. Eine andere Erklärung ist die des berühmten, großen Rabbenu Joseph de Trani. Er bezieht sich auf einen Ausspruch des Rabbi Josua den Lewi, den uns der Midrasch berichtet: „Werth wäre es Riwkah gewesen, daß sie die zwölf Stämme geboren; aber es ist nicht geschahen, damit Laban sich nicht rühme, daß sein Segen (1. B. M., Cap. 24, V. 60) das zu Wege gebracht habe. Jakob fürchtete daher den Segen Labans und entfloh heimlich, um diesem Segen zu entgehen. Daher verbot auch Gott dem Laban, mit Jakob Gutes oder Böses zu reden, denn, so lehren unsere Weisen (Jebamoth 63) .□'p'"iB bxs nyi njn crjran bv ina'.v ‘ra Demnach können wir den in Rede stehenden Vers so erklären: Der Aramäer wollte meinen Vater durch seinen Segen vernichten, wie er es einst seiner Schwester Riwkah gemacht. Wäre Labans Segen nicht gewesen, so hätte schon Riwkah die zwölf Stämme geboren; dann wäre in den 130 Jahren, die dazwischen lagen, unser Volk zu vielen Tausenden angewachsen gewesen; so aber zog es nach Mizrajim in geringer Anzahl (70 Personen) und ward dort zu einem großen, mächtigen und zahlreichen Volke. Auch diese Erklärung ist ebenso geistreich wie scharfsinnig; wir wollen jedoch versuchen, im nächsten Kapitel diesen Ausspruch der heiligen Schrift in anderer Weise darzulegen. (Fortsetzung folgt.)