Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1889-02-25 · Heft 16 (25.2.1889) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 16 (25.2.1889)
Date
1889-02-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447947-2447964--28087-2475752
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

292 des Freundes war es ihm gelungen, seine Fassung zu bewahren, jetzt, da er sich allein wußte, brach sie nahezu vollständig zusammen. Er barg das Antlitz in den Händen, ein halblautes Aechzen entrang sich der gequälten Brust. Welch furchtbarer Umschwung sich in seinen Verhältnissen vollzogen, seit er am verwichenen Tage seine Wohnung verlassen hatte! — Er zählte zu den beliebtesten Offizieren der Garnison, hochgeschätzt von Allen, die ihn kannten. Und nun! — und nun! — Geächtet! — verfehmt! — Gezwungen, urplötzlich den Dienst zu quittiren!-Und übcrdieß — er war verlobt mit einem schönen, geistreichen Mädchen, aus einer zwar nicht sehr reichen, aber angesehenen Familie. — Er war verlobt — war er's noch? — Abermals entrang sich ein Aechzen seiner Brust. Er kannte Katinka's Ehrgeiz, ihren Stolz. — Zwar an ihrer Zuneigung hatte er bisher nicht gezweifelt — aber daß ihre Zuneigung zu ihm die Borurtheile ihrer Familie würde überwinden können oder auch nur wollen — es war undenkbar. „Katinka!" flüsterte er in sich hinein, „Katinka!" Noch hatte er das Antlitz verhüllt, aber vor sein inneres Auge trat das stolze Bild der Geliebten. Wie war sie so schön! so wunderbar schön! Aber ihre vollen rothen Lippen kräuselten sich höhnisch, deutlich hörte er sie flüstern: Ehrloser! — Er hätte laut aufschreien mögen in unsagbarem Weh. Aber das blühende Antlitz der Geliebten schwand allmählich, ein bleiches, abgehärmtes Frauenantlitz trat an diese Stelle. „Mutter!" flüsterte er in sich hinein, „Mutter! Dein Sohn hat gehalten, was er Dir gelobt! —" Da wards auf einmal still und sanft in seinem Herzen; ihm war, als hätte seine Mutter beschwichtigend ihre Hand auf seine Brust gelegt, und das wilde Pochen in derselben hatte aufgehört. Er raffte sich auf, schloß das Fenster und warf sich in einen Lehnsessel. Er wollte überlegen, was er nun zunächst zu thun habe — aber die erschöpfte Natur machte ihre Rechte geltend, sein Haupt sank zurück, seine Augen schlossen sich, seine Brust hob sich leicht und regelmäßig, fester traumloser Schlaf umfing seine Sinne. Mehrere Stunden waren vergangen; als er endlich die Augen aufschlug, stand die Sonne bereits hoch am Himmel, ihre blendenden Strahlen hatten ihn vermuthlich geweckt, oder hatte vielleicht das Knarren der Thür seinen Schlummer unterbrochen? — ihm wenigstens schien es, als hätte die Thür sich in den Angeln gedreht. Unwillkürlich blickte er um sich. Dort auf dem Tische lagen einige Briefe und ein größeres, ziemlich umfangreiches Packet. War diese Sendung am gestrigen Abend während seiner Abwesenheit eingelangt? — oder war es vielleicht schon die heutige Post, die sein Diener, während er geschlafen, dorthin gelegt hatte? Ohne sich seiner Absicht klar bewußt zu sein, griff er nach dem Packet und öffnete es. — Alle jene Geschenke, die er im Laufe der jüngstverflossenen Monate seiner Braut überreicht hatte, lagen vor ihm. Er stieß einen Schrei, aus und entfaltete mit zitternden Händen das Schreiben, das daneben lag. Es enthielt nur wenige Zeilen von der Hand der Mutter seiner Geliebten. Sie schrieb, durch sein Vorgehen in der verflossenen Nacht habe er die Verbindung mit ihrer Tochter gelöst, die beifolgend seine Geschenke zurücksende und ihn um die ihrigen ersuchen lasse. (Fortsetzung folgt.) „Israelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens 2 Bogen Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel jtt bestehen bet E. F. Stetnacker, Leipzig, Uoßptah 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene. Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark an die Expedition franco einzusenden. Inhalt <Hanptblatt) r Leitender Artikel: Die Prätension un^oas Ziel des Antisemitismus. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Kassel. Hamburg. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Triest. — Italien: Livorno. — England: London. — Irland: Dublin. — Feuilleton: Schuld und Sühne. — Inhalt der Beilage: Leitender Artikel: Literarischer Bericht. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: 2mal Breslau. Leipzig. — Griechenland: Athen. Arta. — Rußland: Witebsk. — Palästina: Jerusalem. — Feuilleton: Aus Kronprinz Rudolphs Orientreise. — Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit" Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Höfbuchdruckerei (Oscar Lehmann) in Mainz. Hierzu eine Beilage.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.