Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 16 (25.2.1889)
- Date
- 1889-02-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1 291 Graf Paar neigte zustimmend das Haupt. „Sie werden wohlthun, diesem zuvor zu kommen." „Ich bin dazu entschlossen. Aber — aber — ich habe mehr als meine Charge auf's Spiel gesetzt —" „Der Achtung, der Zustimmung jedes recht Denkenden dürfen Sie sich versichert halten." Orloffski zuckte die Achseln. „Auch dessen bin ich nicht sicher — doch nicht davon wollte ich reden. Aber — Sie wissen, ich bin verlobt." „Mit der Schwester jenes unvernünftigen Heißsporns. — Armer, armer Freund! — ich fürchte, Sie müssen sich auch in dieser Beziehung auf das Aergfte gefaßt machen. — Wenn Ihnen jedoch meine Vermittlung irgendwie von Nutzen scheinen sollte — bis morgen Mittag können Sie über mich verfügen." „Ich danke Ihnen", eutgegnete Orloffski mit Wärme, „ich werde diese Stunde nie vergessen, in der ich den einzigen Freund erkannt habe, den ich besitze." „Sie nehmen meine Vermittelung an?" Der Major schüttelte verneinend den Kopf. „Sie wäre erfolglos, das bin ich gewiß." „Es ist allerdings nicht Jedermanns Sache, gegen den Strom zu schwimmen — und — das Urtheil der Welt ist gegen Sie; in dieser Beziehung dürfen wir uns keinen Illusionen hingeben. Indessen — wenn Sie einverstanden wären — ein Versuch könnte keinesfalls schaden — daß ich Ihrer Ehre nichts vergeben würde, des können Sie sich versichert halten." „Das bin ich überzeugt. Doch ich möchte fast behaupten, daß mein Schicksal sich erfüllen wird, noch bevor es Ihnen möglich sein wird, einen Vermittelungsversuch anzubahnen." „Glauben Sie? — wenn sie sich jedoch irren sollten2" „Dann würde ich niir erlauben, Sie in den spätern Vormittagstunden aufzusuchcn." „Ich werde Sie erwarten und mein Mögliches thun." Der Major stieß einen tiefen, schmerzlichen Seufzer aus, und schweigend setzten sie ihren Weg fort. Bald hatten sie Orloffski's Wohnung erreicht, Graf Paar reichte dem Andern die Hand. „Gute Nacht, lieber Freund! suchen Sie ein paar Stunden zu ruhen. Also, ich erwarte Sie in den spätern Vormittagsstunden." „Erwarten Sie mich nicht", versetzte Orloffski leise, „ich weiß es mit Bestimmtheit, ich werde nicht zum Kommen veranlaßt sein." Der Graf blickte ihn voll inniger Theilnahme an. „Armer Freund — Sie sind das Opfer eines socialen Jrrthums. — Aber — Sie haben mich vorhin ihren einzigen Freund genannt — erlauben Sie dem Freunde, Ihnen einen Rath zu ertheilen?" „Ich bitte darum." „Verlassen Sie die Stadt, unternehmen Sie eine Reise, am besten in's Ausland." „Um keinen Preis!" erwiderte der Major heftig, „das würde einer Flucht gleich sehen, als hätte ich einer unehrenhaften Handlung mich zu schämen." „Das haben Sie keineswegs, im Gegentheil. Um den Muth, den sie auf dem Schlachtfeld bewiesen, habe ich Sie bewundert, — doch ich glaube, unter gleichen Verhältnissen hätte ich vielleicht das Gleiche zu leisten vermocht. Doch was Sie heute gethan, das vermöchte ich Ihnen nicht gleich zu thun, das würde meine Kräfte übersteigen, aber meine Bewunderung, meine aufrichtige Hochachtung hat es erregt. Und dennoch wiederhole ich meine Bitte, ziehen Sie sich wenigstens für die nächste Zeit aus dem öffentlichen Leben zurück. — Seien Sie nicht eigensinnig, Freund, — mir zu Liebe meiden Sie vorläufig den hiesigen Platz — ich wäre sonst in beständiger Sorge, daß Ihnen Unannehmlichkeiten zustoßen." „Sie sind sehr gütig, lieber Graf. Doch nicht nur um Ihrem Wunsch zu entsprechen, vermuthlich wäre ich auch ohnedieß für die nächste Zeit in die Nähe von O .... gegangen. Ich habe dort eine nicht unbedeutende Besitzung, herrlichen Jagdgrund. Wenn ich hoffen dürfte, daß Graf Paar meiner Einladung Folge leisten würde —". „Gewiß, gewiß, — ich besuche Sie im Herbst, verlassen Sie sich darauf. Bis dahin hoffe ich meine Angelegenheiten geordnet zu haben und wir verleben dann zusammen einige frohe Tage. — Doch nun ist's Zeit, daß ich nach Hause eile. Adieu, lieber Freund, leben Sie recht, recht wohl!" Sie hatten einander seit lange gekannt, doch so nahe wie in den jüngftverflofsenen Stunden waren sie einander alle die Jahre hindurch nicht getreten. Orloffski stand noch mehrere Minuten und blickte dem sich Entfernenden nach. Dann athmete er tief auf, zog den Hausschlüssel aus der Tasche und schloß das Hausthor auf. Langsam schritt er hinauf in seine int obern Stockwerke befindliche Wohnung. Die kurze Frühlingsnacht war nahezu vorüber, Orloffski öffnete das Fenster und lehnte hinaus. An dem östlichen Himmel begann es zu tagen, doch in dem Gemüthe des mächtig erschütterten Mannes war es Nacht, finstere Nacht. — In Gegenwart