Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 16 (25.2.1889)
- Date
- 1889-02-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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290 ein, um auch die in unserer Stadt befindlichen nationalen Schulen zu besuchen und deren Schüler einer Prüfung zu unterziehen. Aus diesem Anlasse fand eine allgemeine Prämienvertheilung an die hervorragenden Schüler dieser Anstalt statt, die sich zu einem wahren nationalen Feste gestaltete. Diese Feier fand in den Salons „Asilo Garibaldi" statt und wohnten derselben die General - Consulen von Italien und Deutschland, Commendatore Berio und Herr v. Eckard, der Vice-Konsul für Oesterreich- Ungarn, Herr Valensi (derselbe ist Israelit) und einige Directoren der arabisch-französischen Kollegien, an. Von den hervorragendsten jüdischen Schülerinnen erhielten Prämien, die beiden Schwestern Elisa und Gemma Boccara, Marietta Guttierez und Eugenia Attia, während von den ausgezeichneten jüdischen Schülern erwähnt zu werden verdienen: Giacomo Bembaron. Moise Sberro, Ugo Moreno, Provenzial Fabio, Boccara Alfonso, Sadun Jsacco, Levi David. Letzterer hat sein Prämium bestehend aus 200 Francs, welche die hiesige italienische Handelskammer gespendet hatte, sogleich dem hiesigen italienischen Spitale zugewendet, was von den Anwesenden mit großem Beifalle ausgenommen wurde. Viele derselben, so der Schulinspector Mandalari und der italienische General-Consul, ließen sich den kleinen edlen Spender besonders vorstellen, worauf sie ihn vor der ganzen Versammlung umarmten. Dieser Knabe ist, was hier besonders hervorgehoben werden muß, der Sohn eines aus Triest hierher eingewanderten Kaufmannes. Auch die beiden Neffen des verstorbenen Rabbiners von Livorno, Chacham Funaro, Roberto und Luciano Funaro, wurden mit Prämien bedacht. Viele israelitische Familien hier treffen Vorbereitungen, um im kommenden Sommer die Pariser Weltausstellung zu besuchen. Die Juden Tunesiens fühlen sich nämlich Frankreich gegenüber sehr zum Danke verpflichtet, da sich seit dem Einmärsche der Franzosen 1881 deren Lage bedeutend gebessert und im Verhältnisse der Fanatismus der Araber abgenommen hat. Indessen ist jetzt wieder statt des früheren religiösen Hasses der materielle Neid, denn was ist eigentlich der moderne Antisemitismus anders als gewöhnlicher Brod- und Geschäftsneid, aufgetaucht, unter dem die Israeliten hier sehr stark zu leiden haben, und der in mancher Hinsicht noch ärger ist als der religiöse Haß. Viel zum Aufblühen des Antisemitismus hier trägt die im „Israelit" schon erwähnte französische Wochenschrift „Kasbah" bei, die in jeder ihrer Nummern die Israeliten Tunesiens begeifert und mit Koth bewirft und förmlich zur Ausrottung derselben auffordert. Leider kann unser Bey, der den Juden wohl will, gegen dieses Hetzblättchen nichts unternehmen, da hier unter dem Schutze der französischen Flagge Preßfreiheit herrscht. Hoffen wir jedoch, daß die Enkel Hamans hier bald ein ihres Großvaters würdiges Ende finden werden. Glücklicher als die Juden Tunesiens sind unsere Glaubensbrüder im benachbarten Paschalik Tripolis, das noch Zum türkischen Reiche gehört und wo daher der Antisemitismus nicht recht Fuß fassen kann, da die als halbe Barbaren verschrienen Türken heute ebensowenig von einer Judenverfolgung wissen wollen, wie im Mittelalter von einer 'Judenverbrennung. Die kleine jüdische Gemeinde in Tripolis, die ungefähr dreißig Familien stark ist, lebt ruhig und still unter dem Schutze des Halbmondes und betet inbrünstig für die Verlängerung der Lebenstag des Sultans Abdul Hamid II. m'. Feuilleton. Schuld und Sühne. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Orloffski erwiderte nichts, und schweigend schritten sie durch die Nacht dahin, einen Seitenweg einschlagend, der zu der Wohnung des Majors führte. Dieser athmete laut und wie es schien nicht ohne Anstrengung. Mit warmer, herzlicher Theilnahme sprach Graf Paar ihm seine Anerkennung aus. „Aber die allgemeine Stimmung ist gegen Sie", fügte er hinzu, „das ganze Offiziercorps fühlt sich verletzt. Ich werde zwar mein Mögliches thun; noch vor meiner Abreise werde ich Platow aufsuchen, um ihn zum Widerruf seiner beleidigenden Worte zu bewegen. Würde das gelingen, könnte ich ihn dazu bringen, daß er Ihnen Abbitte leistet —" „Dazu wird er sich nicht bewegen lassen", sagte Orloffski, den Kopf schüttelnd. „Ich bezweifle es selbst", fuhr Graf Paar fort, „aber in diesem Falle — lieber Freund, es thut mir von Herzen leid, Sie darauf aufmerksam machen zu müssen — Sie werden nicht im Stande sein, Ihre Offiziers-Charge zu bewahren — Sie werden gleich mir, den Dienst quittiren müssen." „Ich bin darauf gefaßt", versetzte der Major ruhig, „gleich morgen werde ich um meine Entlassung einkommen — ich würde sonst riskiren, von dem Offizier-Corps ausgestoßen zu werden."