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Der Israelit · 1889-02-25 · Heft 16 (25.2.1889) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 16 (25.2.1889)
Date
1889-02-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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286 Zu der gegenwärtigen Betrachtung gibt uns die Bemerkung Gelegenheit, welche von jener Faction an eine Aeußerung des Neichragsabgeordneten Herrn von K a r d o r f f, eines der hervorragendsten Mitglieder der sreiconservativen Partei, geknüpft worden ist. Bei der Debatte, welche in der Reichtagssitzung vom 31. Januar über den von sozialdemokratischer Seite eingebrachten Antrag auf Abschaffung der Kornzölle stattfand, nahm Herr von Kardorff das Wort zu einer längeren Auseinandersetzung, aus welcher hier der folgende Passus anzuführen ist: »Sie würden zweifellos durch Annahme dieses Antrags auch eine Bewegung, die im Hause schon oft eine scharfe Beurtheilung erfahren hat, sehr fördern, nämlich die antisemitische Bewegung. Dieser würden Sie entschieden einen sehr großen Vorschub leisten, wenn Sie in dem gegenwärtigen Augenblicke, wo die Landwirthschaft noch in einer so großen Kalamität ist, die Getreidezölle abschassen." Er fügte dann noch hinzu: „Man mag, gleichviel ob man die antisemitische Bewegung als eine Rassensrage oder als eine religiöse Frage beleuchtet, davon überzeugt sein, daß diese Frage in entschiedenem Widerspruche steht mit denjenigen Grundsätzen der Duldsamkeit, welche auch nach meiner Auffassung die Voraussetzung unseres modernen konstitutionellen Staatslebens überhaupt bilden." In ihrer Abend-Ausgabe (Nr. 60) vom 5. Februar schreibt die „Kreuzzeitung" hierüber folgendermaßen: «In der Rede des Herrn von Kardorff, welche sonst viel Zutreffendes enthält, kommt unter anderem die Behauptung vor, daß die Wiederaufhebung der Gctreidezölle nicht nur der sozialdemokratischen, sondern auch der antisemitischen Bewegung neue Nahrung geben würde. Beide werden hier also aus eine Stufe gestellt; die eine wie die andere sollen lediglich Anzeigen der Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen sein. Das können wir nicht gelten lassen. Daß die antisemitische Bewegung gleich der sozialdemokratischen das Vorhandensein ungesunder Zustände beweist, ist richtig. Während jedoch das Anwachsen der Sozialdemokratie nur für die fortschreitende Zersetzung des Volkslebens spricht, bedeutet der Antisemitismus, vorausgesetzt, daß er sich nicht in großen Worten und lärmenden Kundgebungen äußert, das Gegentheil, d. h. er läßt erkennen, daß der soziale Körper noch eine gewisse Lebenskraft besitzt, daß er die krankhafte Bestandtheile auszustoßen bestrebt ist. Daß der Abgeordnete Brömel ihn gerade deßhalb als „kulturfeindlich" bezeichnet, kann nicht Wunder nehmen. Die Elemente, welche der Antisemitismus im Interesse der nationalen Wohlfahrt bekämpft, sind es ja, von denen der „Freisinn" politisch und wirtschaftlich lebt, die er also zu vertheidigen verpflichtet ist, auch wo sie nicht unmittelbar angegriffen werden. So etwas kann auf niemanden Eindruck machen; wenn aber ein hervorragendes Mitglied der Rechten ähnliche Aeußerungen thut, dann müssen wir dem entgegentreteu, weil mit solchen Aeußerungen die Geschäfte der Gegner besorgt werden, derselben, denen man tm Kampf auf Tod und Leben gegenübersteht." Der Antisemitismus verwahrt sich also dagegen, daß man ihn mit der Sozialdemokratie auf eine Stufe stellt. Während diese eine Zersetzung des Volkslebens bewirkt, bedeute er die Erhaltung desselben und zeuge für die im Volkskörper vorhandene gesunde Lebenskraft, welche die krankhaften Bestandtheile auszustoßen bestrebt sei. Die Juden und das Judenthum sind diese krankhaften Bestandtheile im Volke, gegen welche der Antisemitismus, der Inbegriff der Gesundheit und Kraft, den Kampf auf Tod und Leben führt. — Dieser Kampf sei ein gerechter und edler, er gelte der Erhaltung und Förderung der nationalen Wohlfahrt. Es wird somit dem Antisemitismus eine sittliche Basis vindizirt, die ihn hoch über die Bestrebungen der Sozialdemokratie emporhebt. Er repräsentirt den edelsten Kern des Volks, welcher sich der ihm beigemischten „krankhaften Bestandtheile" zu entäußern bestrebt ist. Es sind die Juden, die diese krankhaften Bestandtheile des deutschen Volkes bilden, die, wie sich dieses Organ des Antisemitismus bei einer früheren Gelegenheit äußerte, gleich Merkur das Knochengerüst des deutschen Volkes aushöhlen und vermorschen. Nicht durch große Worte und lärmende Kundgebungen soll aber dieser heilige Kampf für die nationale Wohlfahrt gestritten werden; er ist ein ernster, er geht auf Leben und Tod, das heißt doch wohl um die Existenz, das Leben der Christen, das gefährdet ist, so lange noch ein Jude vorhanden ist. ) Der hohe Preis, welcher dem Siege winkt, heißt Vernichtung des Inden. Diese Vernichtung kann entweder in dem wirklichen Untergange, d. h. in dem Tode sämmtlicher Juden in Deutschland bestehen, wenn man nämlich den Kampf auf „Leben und Tod" buchstäblich nehmen zu müssen glaubt. Ein solches Ziel kann allerdings nicht durch „große Worte" erreicht werden, welche der einzig echte und edle Antisemitismus, mit dem wir es ja hier zu thun haben, nach dem vorliegenden Bekenntnisse als seiner nicht würdig verschmäht; dazu bedarf es allerdings sehr kraftvoller Thaten. Denn es ist doch nicht anzunehmen, daß man den Feind zur Selbstentleibung bewegen kann. Oder die Bezeichnung Kampf auf Leben und Tod ist nicht im buchstäblichen Wortsinn aufzufassen, so daß an eine blutige Niedermetzelung der Juden nicht gedacht wird. Es würde dann die Ausscheidung des am Volkskörper des deutschen Volkes zehrenden Giftes durch eine Vertreibung der Juden vollzogen werden sollen; oder endlich es könnte der edle Antisemitismus sich darauf zu beschränken gewillt sein, die Juden zu unterdrücken, sie in die alten Ghetti einzupferchen, von allen Ehrenstellen und Aemtern in Staat und Gemeinde auszuschließen, ihnen die Stätten der Bildung und Wissenschaft zu versperren und die Quellen des Erwerbes derartig abzugraben, daß sie weder L

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