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Der Israelit · 1889-02-21 · Heft 15 (21.2.1889) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 15 (21.2.1889)
Date
1889-02-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
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machergang", einen „Kornträgergang", einen „Specksgang", der schönste aller Gänge aber ist zweifellos (und, meine Verehrte, so heißt wirklich ein Weg) der „Schulgang". Die Reihe der das Schalent am Sabbat Mittag abholenden fein säuberlich gekleideten Mädchen ist gewiß unendlich lang, sie steht aber in keinem Vcrhältniß zu der Reihe der Synagogenbesuchereine Jedermann auffällige Erscheinung, und trotzdem kennt Hamburg, wie man befürchten müßte, das Rischns nicht, wenn man von den antisemitisch angehauchten „Hamburger Nachrichten" absieht, welche ihre Hetzwaaren frisch vom Faß aus Berlin beziehen. Ich weiß nicht viele Gemeinden zu nennen, in denen ein praktischer, vielbegehrter Arzt, und nebenbei auch Millionär, ein vorzüglicher Thoravorleser ist, wie hier, ein Herr Dr. Lewy, nicht viele Gemeinden, an denen die Synagoge am Freitag Abend bis auf den letzten Platz so dicht gefüllt ist, wie die hiesige. Die neue Synagoge („neue" genannt, weil sie erst 28 Jahre alt ist) in gothischem Style erbaut, ist ein Prachtbau, der 600 Personen reichen Raum gewährt. Der Eindruck, den das Gotteshaus in abendlicher Beleuchtung macht, ist ein geradezu blendender; nicht minder wirkungsvoll ist es, wenn bei Tag der Sonnenstrahl, die bunten Scheiben vergoldend, in das Innere fällt. Die heilige Lade ist ganz wunderbar ausgestattet. Zu diesem äußeren Schmuck tritt eine weihevolle Andacht, die durch den wirklich erhebenden Gesang des Vorbeters — ich hörte einen Herrn Dreiblatt, doch nicht weniger schwärmt Hamburg für seinen Cantor Süßkind — und durch die hell hinausgeschmetterten Töne von 15 großen, kleinen nnd kleinsten Chorknaben in schwarzen Käppchen — bei den letzteren eine amüsante „Behauptung" — geweckt wird. Die Synagoge ist, wie bereits bemerkt, am Sabbat einfach überfüllt; besonders reich ist im Publikum die Kinderwelt vertreten. Neben mir stand ein schmucker, kaum achtjähriger Knabe, der jedes Wort mitbetete, jede Note mitsang, überall Bescheid wußte; ganz erstaunt fragte ich den Kleinen, den ich hätte zerküssen mögen, welche Schule er besuche, und seine Antwort war: die Talmud-Thora. Es ist die belle Kritik dieser Musteranstalt, welche 20 Klassen zählt und 600 Knaben zu rechten Jehudim und tüchtigen Menschen zu erziehen sich bemüht. Gegenwärtiger Direktor dieser Anstalt ist seit dem Hinscheiden des Raws und bis zu dem Amtsantritt des freudig erwarteten Herrn Dr. G o l d s ch m i d t aus Frankfurt a. M., Herr Dr. Nathan, welcher zugleich auch neben dem verehrungswürdigen Dajan Herrn Schlesinger (Reb Getsch geheißen) die Rabbinatsverwesergeschäfte besorgt und auch sonst unermüdlich thätig ist. Ein herrlicher Manu, dieser Dr. Nathan! Das Stündchen, welches ich mit ihm dahinplandern durfte, ist eines der köstlichsten meines hiesigen Aufenthaltes. Eine solche Fülle von Geist und Gelehrsamkeit, von sprudelnder Laune nnd Demuth! Die guten Hamburger ermessen es kaum, welche werthvolle Kraft sie in diesem ja sehr beliebten Manne, einem Schüler des Chacham, besitzen. Neben seinen vielen Berufsgeschäften ist Herr Dr. Nathan auch Lehrer in dem Verein „Mek or Ch a ji m". Auch dieser, bald drei Jahrzehnte besteheude Verein kann in seiner so umfassenden Anlage nur auf einem religiösen Boden, wie es der Hamburger ist, erblühen. Man bedenke! 130 junge Kaufleute (denn soviel Mitglieder zählt der Verein) vereinigen sich nach des Tages Last und Mühen (wenigstens nach den Statuten) mehrere Mal in der Woche, um unter trefflicher Leitung die Propheten, Raschi und Mischna zu lernen, um diese Lehre einst im Leben später sicher zu bethätigen. Neben diesem eigentlichen Zweck veranstaltet der Verein, dessen Vorsitzender Herr Lotteriekollektor M. R. Möller ist, seit etwa acht Jahren jeden Winter einen Cyclus von religiös-wissenschaftlichen Vorträgen, deren erziehliche Bedeutung gerade in Hamburg, wo für diese allgemeine Bildung vielleicht weniger als sonstwo gethan, nicht zu unterschätzen ist. Nur rathen wir dem wohllöblichen Vorstand, es in künftigen Jahren vielleicht zu ermöglichen, daß die Vorträge in einem größeren Saale stattfinden, daß auch dem zarten Geschlechte der Eintritt gewährt, und ein Entree für alle Vorträge gegen Karten erhoben werde. Diese kleinen religionsgesetzlich ja durchweg gestatteten Reformen würden die Luft des Redners, den Reiz der Rede, das Interesse des Publikums, das Ansehen des Vereins und den Bestand der Kasse erhöhen. Diese Vorträge würden ein bildendes Element für Hamburgs, auch der gesetzestreuen Sache ferner stehende Kreise werden; nun beweise der Verein es der jüdisch-freisinnigen Partei: „Schwarz bin ich, aber lieblich!" So ist in Hamburg in religiöser Beziehung, von der berühmten Schechita gar nicht zu reden, alles Gute und Schöne reich vertreten, und nur eines fehlt — der Rabbiner! Die Rabbinatsfrage will ich nur kurz berühren; sie ist so langwierig und schwierig, daß ich fürchten muß, ich könnte mich dabei „verplaudern!" Die Worte, welche einst Heinrich Heine im Januar 1844 von Hamburg in seinem witzreichen „Wintermärchen" schrieb:

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