Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 15 (21.2.1889)
- Date
- 1889-02-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447947-2447963--28068-2475732- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
' ' - ' 274 die Schneeflocken gastfeindlich und taktlos ihren schelmischen Wirbeltanz aufführen, als wollten sie sagen: „Haltet uns Hamburger nicht gar für so dumm; wir können Euch auch etwas weiß machen!" Bald fliegt der weiße Kobold an mir vorüber und läßt mich in meiner Einsamkeit zurück; das Heimweh heißt mich zu Ihnen, gnädige Frau, flüchten und ein ganz kleines Vietelstündchen mit Ihnen verplaudern. Aber wovon plaudert man in der Hansastadt? Soll ich Sie von der berühmten Sauberkeit des hiesigen Straßenpflasters unterhalten, von dem man mir schon in Berlin Schauernovellen erzählt hatte? Das Hamburger Pflaster ist allerdings wenig unterhaltend, wenngleich es auch für ein geplagtes Menschenkind, welches an die Lektüre Böckel'scher Hetzreden und sonstiger Erzeugnisse jener „sauberen" Gesellschaft gewöhnt ist, als das Muster von Eigenheit erscheinen muß. Soll ich Ihnen von den neuen Hafenbassins am Grasbrook mit ihren herrlichen Kaianlagen erzählen, die ich durch die angelaufenen Fensterscheiben eines Pferdcbahnwagens bewundern durfte oder Ihnen den malerischen Moses schildern, der in der Schwab'schen Sammlung der Kunsthalle, offenbar nach einer alten Photographie, dem Volke die Tafeln vom Sinai bringt? Den Hafen dürfen Sie weit besser im Frühlingssonnenschein betrachten dürfen, und das Bild des prophetischen Gesetzesvermittlers leuchtet uns weit herrlicher aus dem biblischen Rahmen entgegen. Nun, plaudern wir einmal ein wenig von der Hamburger jüdischen Gemeinde und dem, was sie füllet! Als der judenfreundliche Karl der Große im Jahre 810 der üblichen Zeitrechnung gegen die Slaven an der Alster ein Blockhaus unter dem Namen „Hanomeburg" anlegte, da mochte er es nicht geahnt haben, daß an eben dieser Stätte ein Jahrtausend später eine der größten jüdischen Gemeinden des Reiches blühen werde. Ja, zur Blüthe der ganzen Stadt haben vornehmlich Israeliten, und zwar zumeist die aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden mit ihren Wechselgcschäften und dem Handel mit ostindischen Stoffen beigetragen, jene glücklichen Unglücklichen, welche in Hamburg ein Asyl fanden. Die Hamburger Juden gehören noch heute teilweise zu den reichsten Bürgern der Stadt, zu allen Zeiten aber haben sie sich um das Gemeinwesen wohl verdient gemacht; ich nenne nur Salomon Heine, der nach dem furchtbaren Brande vom 2. Mai 1842 dem Staat eine halbe Million zur Verfügung stellte, das Krankenhaus für jüdische Armen errichtete, die Vorschußanstalt für jüdische Handwerker gründete und andere Wohlthätigkeitsstiftungen ins Leben rief; das berühmte israelitische Waisenhausinstitut ist bekanntlich schon 1766 gestiftet worden. Das innere Leben der jüdischen Gemeinde Hamburgs zeigt gleichwie die Geschichte der Stadt im Laufe der Zeiten arge Risse und Zerklüftungen. Eine entscheidende Spaltung brachte die Errichtung des Tempels und die Berufung Salomons, die Hamburger Reform betäubte für einen Augenblick die Gesetzestreuen, aber die Wahl des Chacham rettete ihre Sache, der so tief denkende und von nur wenigen verstandene jüdische Schelling führte die Gemeinde einer besseren Zukunft entgegen. Auch er hatte seine Kämpfe, die keinem Großen erspart bleiben, und bekannt ist sein geistvolles Wort, das er einst einem Fehdesüchtigen zurief: „Ich habe Euch doch nichts Gutes getan, warum thut Ihr mir Böses?" Andererseits hat er noch heute eine Schaar glühender Verehrer, die begeistert zu seinem Gestirn emporblicken, noch heut, da inzwischen wieder ein anderer Heller Stern der Gemeinde untergegangen ist. Trotz aller dieser kleinen „berechtigten Eigenthümlichkeiten" aber muß der Fremde eingestehen, daß nicht viele Gemeinden auf dem ganzen Erdenrunde blühen, wo eine solch innige, wahre und thätige Frömmigkeit gepflegt wird wie hier; man muß einen Sabbat als „stiller Beobachter an der Alster" miterlebt haben, um in den Ausdruck des Entzückens einzustimmen, das diese praktische Gesetzestreue, ja, selbst das Verlangen des religiös Ungebildeten, fromm zu sein, in jedem Unbefangenen wachrufen muß. Schon am Freitag dieses freudige Eilen und Drängen zu Ehren des Ruhetages! Begleiten Sie mich einmal auf den Fischmarkt und Sie schauen dort ein bunt bewegtes Bild von Männlein und Weiblein, die sich hier einträchtig mit ihrer Mark oder ihrem Goldstück versammelt haben, um den Sabbatfisch zu gewinnen. Der Freitag ist ein theurer Fischtag, aber was thut's? Für den Sabbat ist dem Hamburger nichts zu theuer! Gehen Sie weiter nach der Elbstraße, und wieder bietet sich dem Auge ein buntes Bild: die alten Sachen der jüdischen Trödler, die hier im Schweiße ihres Angesichtes sich ihr wenig beneidenswertes Brod verdienen; aber kaum naht ..der Abend, kaum dehnen sich die Schatten, da wird die Elbstraße leer, menschenverlassen! Der Krämer packt seinen Kram zusammen und eilt in sein Heim, um Toilette zu machen; gilt es ja, die „Prinzessin Sabbat" zu empfangen, welche nicht allein den Palästen ihre Visite abftattet, sondern ihr Freudenantlitz auch in die Hütte des Armen beglückt und beglückend neigt. Hamburg hat ein ganzes Gängeviertel: einen „Langergang", einen „Breitergang", einen „Rade-