Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1889-02-21 · Heft 15 (21.2.1889) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 15 (21.2.1889)
Date
1889-02-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447947-2447963--28064-2475728
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Hörden nicht in die Streitigkeiten zwischen Juden und Juden einmischen dürften, gleichviel welcher Art die Händel auch sein mögen: vielleicht seine bedeutendste That! Die Christen wollen den Juden verbieten, auf erhöhtem Standort eine Synagoge zu errichten; der König gestattet auf die Bitten Sauls 1595 in einem Dekrete den Juden, sich Gotteshäuser zu bauen, wo sie nur immer wollen. Noch einmal sehen wir ihn 1596 über seine nichtjüdischen Gegner siegen, im Jahre 1622 stirbt er 80 Jahre alt, der Saul Wahl der Geschichte. Der Redner stützte die Wahrheit dieser Ueberlieferungen durch Analogieen persönlicher und geschichtlicher Natur, er besprach eingehend ähnliche andere Verhältnisse in der Geschichte Polens und beleuchtete die glückliche Lage der polnischen Juden, welche den Neid vieler Feinde weckte. Demnach bliebe vom König Wahl allein der hochgeehrte, einflußreiche Fürstendiener übrig, der gleich dem Mordechai der Megilla unendlich viel Gutes für seine Brüder gethan hat. Woher aber der Name Wahl? Der Redner meinte, da Wahl's Nachkommen Schorr hießen, „Schorr" aber hebr. Ochs, und Ochs polnisch „Wul" bedeute, sei es nicht unmöglich, daß unser König ursprünglich vielleicht Salamo Wul geheißen habe. Diese Sage habe aber eine erhabene sittliche Bedeutung, sie sei der Idealismus der Massen. Denn nicht lange währte jenes goldene Zeitalter des Glückes unter den Juden Polens. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts fielen mordend und plündernd die Kosackenschwärme Chelminickis in das Land; die jüd. Gemeinden gingen unter, Tausende unschuldiger Juden fielen unter den Streichen der Mordbanden, der einstige Wohlstand war vernichtet, die frohsinnige Vergangenheit vergessen, und wie aus märchenhafter Ferne ragte jetzt die Lichtgestalt des einst so einflußreichen Glaubensgenossen in die düstere Gegenwart hinein, sie lehrte Leid und Weh in trostloser Zeit überwinden; bald bemächtigte sich die schmückende Volkssage der Gestalt und setzte ihr die Königskrone auf das Haupt. Wenn das Kind der Judengasse am Freitag Nachmittag sich von der Großmutter Sabbatobst und eine Geschichte holte, da vernahm es aus theurem Munde die Ueberlieferungen von dem großen König Saul Wahl, und Stolz zog in die Brust ein, und Wonne füllte das Gemüth, und die Sage vererbte sich von Geschlecht zu Geschlecht als ein heiliges Vermächtniß. Viele Familien in Deutschland, Polen und England leiten ihren Stammbaum von Wahl her, und Gabriel Rießer war der neunte Sproß des „königlichen" Hauses. Doch bedarf das Judenthum zu seiner Größe dieser Krone? Drei Kronen gibt es, so sagen die Weisen, die Krone des Königthums, die Krone der Lehre und die Krone des Priesterthums; sie alle hat einst Israel besessen, doch nur mit einer Krone, mit einem Buche, mit der heiligen Lehre hat es seinen Pilgerweg durch die Reihen der Völker angetreten. „Nichts, nichts ist uns geblieben als die Thora!" — so rufen wir erschüttert in der weihevollsten Stunde des Jahres, und diese Thora, diese herrlichste aller Kronen, sie ist unser Schmuck, sie soll unser Stolz sein l Für das Sinaiwort wollen wir kämpfen und streben und seinen göttlichen Inhalt uns bewahren, bis daß des königlichen Propheten Spruch sich einst wieder erfülle: „V o n Z ion gehtdieLehreaus,unddasWortGottes von Jerusalm!" — Die warmtönige Begeisterung, welche den Vortrag und zumal am Schluß durchwehte, fand einen beredten Widerhall in Aller Herzen und klang in allseitigen, lebhaften Beifall aus. Bl. Feuilleton. Schuld und Süßne. *) Erzählung von Friedrich Rott. I. In dem adeligen Club herrschte heute noch regeres Leben als gewöhnlich, Graf Heinrich Paar gab in dem Clublokal den Kameraden ein Abschiedsbankett. Der bevorstehende Austritt aus der Armee des jungen, lebenslustigen Cavaliers erregte allgemeines Bedauern, auch ihm war der Entschluß nicht allzuleicht geworden, doch seine Vermögens- Verhältnisse waren nicht die glänzendsten und ein alter entfernter Verwandter seiner Mutter hatte ihn nur unter der Bedingung, daß er sofort den Dienst quittire, zum Universalerben seines kolossalen Vermögens eingesetzt. Es blieb ihm demnach keine Wahl; wollte er nicht auf die reiche Erbschaft verzichten, so mußte er dem ihm liebgewordenen Berufe entsagen. Zum letzten Male befand er sich heute in dem heitern Kreis der Kameraden; morgen mußte er abreisen, die Erbschaft anzutreten, die ihm auch Pflichten mancherlei Art auferlegte. Und Graf Heinrich, trotz seines anscheinend sorglosen, zuweilen sogar leichtfertigen Wesens, war im Grunde doch ein ernster Charakter, der einmal übernommene Pflichten ernst nahm und nicht daran dachte, dem Rathe einiger guten Freunde zu entsprechen, die Erbschaft zu übernehmen und dann zurückzukehren. *) Alle Rechte Vorbehalten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.