Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 15 (21.2.1889)
- Date
- 1889-02-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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271 Das Bankett war ausgesucht nobel, wie es selbst den in dieser Beziehung verwöhnten Offizieren nicht allzuoft geboten ward und erhöhte noch das Bedauern um den scheidenden Freund. Die Nacht war schon ziemlich weit vorgerückt, als die Solidesten der Gesellschaft zum Aufbruch mahnten; die Meisten wollten sich jedoch noch nicht trennen, und als Einer vorschlug, noch ein Spiel zu machen, waren nahezu sämmtliche Anwesende einverstanden. Einer der altern Offizire erbot sich, die Bank zu übernehmen; bald war das übermäßige Lärmen verstummt, das Interesse Aller ans das ziemlich hohe Spiel gerichtet. Das Glück war bald dem Einen, bald dem Andern hold; nur ein junger Offizier hatte beständig Unglück; er mochte setzen, soviel er wollte, er verlor immer. Der Athem des jungen Mannes ging rasch, seine Augen glühten in unheimlichem Glanze, seine Gesichtsfarbe wechselte unaufhörlich. „Sie sollten aufhören, Platow", flüsterte sein Tischnachbar ihm zu, indem er die Hand auf des Erregten Schulter legte, „Sie haben heute entschiedenes Pech." Der als Platow Angeredete schüttelte mit einer heftigen Bewegung die Hand von seiner Schulter und ohne der wohlgemeinten Mahnung zu achten, legte er mit zitternder Hand abermals eine Anzahl Goldstücke vor sich auf den Tisch und hatte nach wenigen Minuten abermals verloren. „Das geht nicht mit rechten Dingen zu!" rief er wüthend aufspringend, „hier wird falsch gespielt!" Der Offizier, der die Bank hielt, stieß einen halbunterdrückten Schrei aus und schien sich auf den ihn Beleidigenden stürzen zu wollen; die ihm zunächst Sitzenden hielten ihn mit Gewalt zurück. „Er hat zuviel getrunken," rief der Gastgeber, „achten Sie seiner Worte nicht. Und Sie, Platow, nehmen Sie Ihre Beleidigung zurück, wir Alle kennen den Major Orloffski als Ehrenmann und —" „Er hat dennoch falsch gespielt!" schrie der in Wirklichkeit Trunkene, indem er drohend die Hand erhob. Abermals stieß Orloffski einen Schrei aus und strebte, den ihn Zurückhaltenden sich zu entwinden; doch sie hielten ihn nur um so fester und auch Platow war von den ihm znnächst Stehenden gehalten. Doch vergebens bemühten sich die Besonnenern, ihn zum Widerruf seiner beleidigenden Worte zu drängen; vergebens beschwor ihn Graf Heinrich, ihm die Erinnerung an den letzten Abend ihres Beisammenseins durch das aus seiner sinnlosen Beschuldigung entstehende Unglück nicht zu vergällen — er harrte bei seiner Behauptung, Orloffski habe ihn betrogen. In ohnmächtiger Wuth lehnte der Beleidigte gegen einen Pfeiler, wohin ihn die ihn umringenden Freunde gedrängt hatten, während es den Andern schließlich gelungen war, den sowohl durch übermäßigen Genuß der schweren Weine als durch seinen nicht unbedeutenden Verlust Aufgeregten, zu entfernen. Allgemein war die Theilnahme für den schwer gekränkten Offizier; daß eine derartige Beleidigung nur durch Blut ausgelöscht werden könne, erschien selbstverständlich. Graf Paar bedauerte es aufrichtig, daß er durch seine bevorstehende Abreise verhindert war, sich als Secundant anzubieten. „Lieutenant Turetzkiwitsch und ich werden Ihre Secundanten sein", rief einer der jüngeren Offiziere, der sich am eifrigsten um Orloffski bemüht hatte, „gleich morgen in den Vormittagsstunden werden wir zu ihm gehen und ihn in Ihrem Namen sor- . dern, damit Sie die Sache womöglich noch im Laufe des morgigen Tages austragen können. Sie sind doch einverstanden?" Orloffski hatte die bleichen Lippen fest aufeinandergepreßt; seine Brust hob sich keuchend, er schien sprechen zu wollen, doch die Sprache versagte ihm; heftig schüttelte er den Kopf. Die Umstehenden blickten verwundert zu ihm empor. „Sie weisen unser Anerbieten zurück?" fragte Turetzkiwitsch. „Ich schlage mich nicht", flüsterte Orloffski mit heiserer, nahezu tonloser Stimme. Betroffen blickten die Freunde einander an. „Sie müssen sich schlagen, Sie dürfen einen derartigen Schimpf nicht auf sich sitzen lassen!" rief der junge Offizier, der sich ihm als Secundant angeboten hatte. Der Beleidigte erwiderte nichts; doch er schüttelte nochmals mit Entschiedenheit das Haupt. „Unbegreiflich!" rief Graf Paar, „Sie sind Offizier, wie können Sie es mit Ihrer Ehre in Einklang bringen, eine derartige Beschimpfung ruhig einzustecken?" Ein Stöhnen entrang sich der Brust des Beleidigten; er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, auf der kalte Schweißtropfen perlten. Auf den Gesichtern der Anwesenden malte sich theils Entrüstung, theils Staunen; nur Graf Heinrich blickte mit unverminderter Theilnahme auf den sichtlich Leidenden. „Ich habe von Ihrem kühnen Muthc, Ihrer kaltblütigen Entschlossenheit vor dem Feinde gehört, — vor Plewna sollen Sie einzig und allein durch